Mitarbeiter und Kunden sehen der Zukunft dennoch sorgenvoll entgegen. Ein Modeunternehmen kann im Ausland expandieren und neue Filialen eröffnen, um mehr Gewinn zu machen. Es kann aber auch die Produktionskosten senken. Capvis könnte sich günstigere Zulieferer und Produktionsstätten in Asien suchen, was sich mit einer konsequent ökologischen und fairen Herstellung der Produkte kaum vereinbaren ließe. Der Geschirrhersteller WMF hat seinen Umsatz verdoppelt, seit Capvis im Jahr 2006 die Mehrheit am Unternehmen übernahm. Wie die taz jedoch zuletzt unter Berufung auf ein Aufsichtsratsmitglied berichtete , ging das nur, indem WMF sich teilweise von Tariflöhnen verabschiedete. Auch habe WMF einen Teil der Produktion nach China verlegt. Der Schweizer Ledermöbelhersteller De Sede, seit 2007 im Portfolio von Capvis, kämpft mit Managementfehlern und Liquiditätsproblemen, weil der Investor dem Unternehmen einen Teil des Kaufpreises als Kredit aufgebürdet hat.

Viele Kunden erwarten, dass es bei Hessnatur ähnlich kommen wird. Auf der Pro-hnGeno-Website Wir-sind-die-Konsumenten setzen täglich Hunderte ihren Namen unter die Aussage: "Ich will fair und ökologisch gehandelte Kleidung kaufen, aber nicht mit meinem Geld die Spekulation finanzieren!" Auch Strasheim-Weitz berichtet, dass "in der Kundenbetreuung seit Tagen Anrufe und Emails von verärgerten Konsumenten eingehen".

Während die Konsumenten weglaufen können, müssen die Mitarbeiter sich dem neuen Eigentümer stellen – wenn er denn mal nach Butzbach kommt. Eine Mitarbeiterversammlung am Dienstag wurde abgesagt, weil man die Antworten auf den "Presserummel" und die Anliegen des Managements erst einmal durchdenken müsse, hieß es in einem Schreiben an die Belegschaft. Wie Capvis mit dem Geschäftsführer Wolf Lüdge und seinem Stellvertreter Max Lang umgeht, sei für viele Mitarbeiter entscheidend dafür, ob eine gute Zusammenarbeit möglich ist, hört man aus der Belegschaft. "Man soll die Chance auf Objektivität nicht von vornherein verspielen", sagt ein Mitarbeiter. Auch die hnGeno wäre als neuer Eigentümer ein Risiko.

Noch glauben die Mitarbeiter an ihre Chance

Die Zeichen für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit stehen jedoch auch deshalb schlecht, weil Capvis sich beim Ankauf von Hessnatur ausgerechnet von Marc Sommer beraten ließ, dem ehemaligen Primondo-Chef und Arcandor-Aufsichtsrat. Er gilt als einer jener Manager, die vor der Insolvenz von Arcandor für mäßige Geschäftsführung sehr hohe Boni erhalten haben. Eine operative Rolle wolle Sommer bei Hessnatur aber nicht übernehmen, beteuert Capvis. "Es gibt keinerlei Pläne das Management auszutauschen", so Rentschler.

In einem offenen Brief wendete sich die Hessnatur-Belegschaft am Mittwoch ihrerseits an Capvis: "Der gescheiterte Verkauf an Carlyle Ende 2010 (...) macht es für uns deutlich, dass ein Finanzinvestor nicht der passende Gesellschafter für Hessnatur ist. (...) Insofern sehen wir in Ihrer Übernahme keine Sicherheit, Stabilität und Kontinuität, sondern das Gegenteil und sehen unruhige und unsichere Zeiten auf Hessnatur zukommen. Wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bitten Sie aufs Herzlichste (...) vom Kauf von Hessnatur zurückzutreten."

Während Capvis-Sprecher Rentschler einen solchen Rückzug gegenüber ZEIT ONLINE ausschließt, ist Strasheim-Weitz überzeugt, dass sich in den kommenden Wochen doch noch eine Chance für die hnGeno ergibt: "Solange Capvis nicht als Eigentümer im Handelsregister steht, gehe ich davon aus, dass wir nicht verkauft sind." Capvis müsste ohnehin wissen, wie gut ein Konstrukt wie die hnGeno funktionieren kann. In der Schweiz ist fast der gesamte Einzelhandel genossenschaftlich organisiert.