Rodrigo Rato ist womöglich der Mann, den die Spanier derzeit am liebsten aus dem Land jagen würden. Der klein gewachsene Mann mit spärlichem Haar steht für ein System der Vetternwirtschaft und Überheblichkeit, das viele Bürger für das Hauptübel ihres Landes halten.

Der Unmut über den Ex-Banker äußert sich auf der Straße, in der Metro, vor Bankfilialen. Die Protestbewegung 15-M kritisiert, dass Rato an der Spitze des Sparkassen-Konglomerats Bankia ein Jahresgehalt von rund 2,5 Millionen Euro kassierte – obwohl die Bank nun den Staat um Milliardenhilfen bitten muss . Noch mehr ärgert sie, dass der 63-Jährige trotz seines Rücktritts vor wenigen Wochen offenbar eine Entschädigung von 1,2 Millionen Euro erhält. Seinen letzten Tag bei der Bankia soll der bekennende Konservative mit einer ausgelassenen Party gefeiert haben. "Das ist eine unglaubliche Überheblichkeit. Er müsste sofort auf die Gerichtsbank", schimpft José Miguel Villa, Generalsekretär der spanischen Gewerkschaft UGT.

Noch stellt sich Ratos Partei, die Partido Popular (PP), hinter den einstigen Bankmanager. Viele macht das fassungslos. "Die Partei will niemanden ihrer Leute opfern", sagt der Werbeunternehmer Joaquin Gómez. Die enge Verbindung von Parteileuten und Kreditindustrie ist für Gómez bezeichnend. "Das ist aussagekräftig für dieses Land und was hier falsch läuft".

Vor allem ein verpatztes Geschäft im Herbst 2011 wird Rato angelastet. Schon im Herbst 2011 mehrten sich die Anzeichen, dass die Bankia, die Rato durch eine Fusion der Caja Madrid mit sechs weiteren fast bankrotten Sparkassen geformt hatte, nicht überleben würde. Bankia führte deshalb Fusionsverhandlungen mit La Caixa, der Sparkasse von Katalonien , eines der halbwegs gesunden Kreditinstitute in Spanien . Die Fusionsverhandlungen seien am Widerstand von "Don Rodrigo" gescheitert, berichten Freunde von Rato heute. "Er hatte keine Ahnung. Er ist Anwalt, er war nie ein ausgewiesener Wirtschaftsexperte. Alle Jobs hat er bekommen, weil seine Parteikollegen und engsten Freunde ihn dort platziert haben, nicht weil er dafür qualifiziert ist", sagt einer, der ihn kennt.

Rato galt als Aushängeschild eines neuen Spaniens

Der Wirtschaftsdozent und Unternehmer Miguel Cordoba wird noch deutlicher: "Es war falsch, einen Politiker auf solch einen wichtigen Posten zu setzen." Rato habe zwar akademische Titel vorzuweisen: einen Master an der Universität Berkley und einen Doktor in Wirtschaftspolitik an der Complutense Uni in Madrid. "Seine ganze Karriere aber war bisher an die PP gebunden." Die Sparkassen und die gesamte Bankenwelt sei zu politisiert und wenig unabhängig, sagt Cordoba. Das mache sie zum Spielball politischer Interessen.

Rato ist seit Jahren Teil des spanischen Machtsystems. 1996 wird er Wirtschafts- und Finanzminister, acht Jahr lang bleibt er im Amt und wird zu einem der angesehensten Mitglieder der Regierung José María Aznars. Der kühl auftretende Mann gilt als Aushängeschild eines neues Spaniens, das als Musterschüler die Beamten in Brüssel mit Haushaltsüberschüssen erfreut. Doch schon vor dem dem Wahlsieg der Linken im März 2004 verkracht Rato sich mit der Parteiführung. Auch bricht er mit seinem Busenfreund Aznar, dessen rechte Hand er lange war.

Der Grund für den Streit erinnert an ein spanisches Theater-Drama: Rato verlässt seine Frau wegen einer jüngeren Journalistin, die zuvor in der Kommunikationsabteilung seines Ministeriums gearbeitet hatte. Aznars Gattin, die mit Ratos Exfrau eng befreundet ist, nimmt ihm das übel. Zugleich kommt es zwischen Rato und Aznar zu Streit, weil Aznar die Amerikaner offen im Irak-Konflikt unterstützt.