Rupert Bondy machte aus seiner Frustration keinen Hehl. Die Forderungen aus Washington seien "völlig unverhältnismäßig" und hätten mit der Realität nichts zu tun, schimpfte der Chefberater des Energiekonzerns BP zum Beginn des Wochenendes. Über ein Jahr hatte das britische Unternehmen mit der Politik in Washington und mehreren Bundesstaaten verhandelt, um den Prozess in New Orleans doch noch zu verhindern. Nun gibt man sich eben kampfeslustig. Auf gewisse Weise, sagt Bondy, "freuen wir uns auf den Prozess".

Seit drei Jahren belasten die Folgen der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko die Geschäfte von BP. Der Konzern musste sich seither Hunderten von Klagen stellen. Gleich mehrfach wurde das Unternehmen schuldig befunden und musste bereits Milliardenstrafen zahlen. Auch das Management musste zwischenzeitlich gehen. Dem Unternehmen sind die Prozesse nicht gut bekommen. Einst war BP das zweitgrößte Öl-Unternehmen der Welt, heute ist der Konzern nur noch die Nummer vier.

Nun beginnt an diesem Montag in Louisiana ein weiterer Prozess, der größte bislang. Der zuständige Richter Carl Barbier hat Dutzende Klagen von Regierung, Bundesstaaten und Geschäftsleuten gegen BP vorliegen. Monatelang sollen die Verhandlungen dauern, wieder richtet sich das Interesse der Weltöffentlichkeit auf das Versagen des Ölkonzerns. "Wir sind so entschlossen wie nie, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen", sagt Wyn Hornbuckle, ein Sprecher des Justizministeriums. 

Rund 42 Milliarden Dollar hat der Konzern bislang an Rückstellungen zurückgelegt. Mehr als 20 Milliarden Dollar sind bis heute in die Aufräumarbeiten geflossen. Hinzukommen Strafzahlungen in Milliardenhöhe. Am Ende, das gab BP bei der Präsentation der Geschäftszahlen im Februar zu, könnte das Unglück im Golf von Mexiko den Konzern rund 90 Milliarden Euro kosten. Wobei eben viel davon abhängt, wie die Richter in Louisiana entscheiden.

Die entscheidende Frage lautet dabei: Kann BP nachgewiesen werden, vor und während der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon grob fahrlässig gehandelt zu haben, so wie es im Clean Water Act als Tatbestand aufgeführt ist? Die Antwort auf diese Frage könne am Ende einen Unterschied von 13 Milliarden Dollar Strafgeld ausmachen, schätzt David Uhlmann, Rechtsprofessor an der Universität von Michigan und ein früherer Beauftragter für Umweltverbrechen im Justizministerium. "Beide Seiten gehen mit dem Prozess ein großes Risiko ein, weil der Ausgang unmöglich vorherzusagen ist", sagt Uhlmann.

"Dies war ein tragisches Unglück"

Das Management von BP weiß, dass viel auf dem Spiel steht und wehrt sich gegen die Vorwürfe. "Die Messlatte für grobe Fahrlässigkeit liegt sehr hoch und wir glauben nicht, dass wir diese Kriterien erfüllen", teilte das Unternehmen in einer Presseerklärung mit. "Dies war ein tragisches Unglück, das von mehreren Faktoren ausgelöst wurde und an dem mehrere Parteien beteiligt waren." 

Um künftige Forderungen überhaupt bezahlen zu können, hat BP mehrere Raffinerien und Beteiligungen im Gesamtwert von 38 Milliarden Dollar verkauft, unter anderem am russischen Öl-Unternehmen Tnk-BP. Dass noch immer nicht klar ist, wie hoch die Strafzahlungen am Ende sein werden, beunruhigt Investoren und Analysten schon länger. Allein im vierten Quartal 2012 ist der Gewinn um 20 Prozent zurückgegangen. Im vergangenen Jahr gab der Aktienkurs um fast acht Prozent nach.