Es gibt Anekdoten, die erzählt er immer wieder: Wie seine Frau beinahe einen Nervenzusammenbruch erlitt, als die Polizei schwerbewaffnet bei ihnen zu Hause auftauchte und dringend empfahl, auf einen Briefkasten zu verzichten – weil man da auch Sprengsätze einwerfen könne. "Ich habe nicht für die Armee oder den Secret Service gearbeitet, ich war einfach ein Geschäftsmann", sagt Michael Woodford dann. "Das war eine völlig fremde Welt für mich."

Die Polizisten, die Furcht vor Sprengsätzen: Es klingt nach den Zutaten zu einem Krimi. Doch es ist die Geschichte einer Bilanzvertuschung in einem japanischen Großkonzern – und davon, wie Woodford, eine zentrale Person in dieser Affäre, der durch den Skandal seine Arbeit und sein altes Leben verlor, es auch eineinhalb Jahre später immer noch nicht schafft, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Dabei hätte es eine Erfolgsgeschichte werden können: Michael Woodford, heute 52, hatte sich im Frühjahr 2011 bis in den Vorstand des japanischen Optik-Riesens Olympus hochgearbeitet. Im Herbst wurde er zum Vorstandschef ernannt – und wurde wenig später durch einen japanischen Magazinbericht auf Ungereimtheiten in der Bilanz aufmerksam. Als er seine japanischen Vorstandskollegen zur Aufklärung bewegen wollte, schalteten diese auf stur und degradierten den gebürtigen Briten. Nachforschungen hätten Woodfords Vorgänger beschädigen können, den langjährigen Vorstandschef Tsuyoshi Kikukawa.

Alles aus Loyalität zum Chef

Die blinde Loyalität zur Unternehmensführung habe er nicht vorhergesehen, sagt Woodford heute: "Es herrschte das System des Imperators Kikukawa. Die Mitarbeiter hätten sich buchstäblich für ihn von einem Gebäude gestürzt." Weil er keinen anderen Weg mehr sah, gab Woodford schließlich wichtige Dokumente an Wirtschaftsmedien weiter. Daraufhin wurde er nach nur wenigen Wochen im Amt als Vorstandschef entlassen.

Der Skandal erschütterte das Unternehmen und schickte die Aktie in den Keller. Anfängliche Vermutungen, dass sogar die Yakuza in die Machenschaften verwickelt sei, waren falsch, sorgten aber für den massiven Polizeieinsatz beim Ehepaar Woodford. Olympus' Führungsspitze, die den Betrug hatte geheim halten wollen, musste schließlich gehen – Tsuyoshi Kikukawa, der zum erbitterten Widersacher von Woodford geworden war, bekannte sich in einem Gerichtsverfahren schuldig.

Michael Woodford aber hielt sich auch nach der Eskalation noch für den richtigen Mann, um bei Olympus aufzuräumen. Doch daraus wurde nichts: Im vergangenen Sommer wurde er mit einer Abfindung über 12,4 Millionen Euro verabschiedet. Damit könnte der ehemalige Spitzenmanager, finanziell unabhängig und frei, den Fall Olympus nun zu den Akten legen. "Es ist ein Teil meines Lebens, und ich nehme an, so wird das auch immer bleiben", sagt er. Doch er sei bereits mit vielen anderen Dingen beschäftigt.

Allein: Es fällt schwer, ihm das zu glauben.

Durch den Skandal wurde aus dem Geschäftsmann, der sich rund um die Uhr für Olympus eingesetzt hat, über Nacht jemand, der rund um die Uhr gegen das Unternehmen arbeitete. "Ich wurde vom Rudel verstoßen", sagt Woodford heute. "Ich bin ein einsamer Wolf." Dieses Selbstbild vermarktet er jetzt erfolgreich als Handlungsreisender in eigener Sache. Über 100 Mal habe er in Vorträgen über den Fall berichtet, über 500 Interviews zu Olympus gegeben – in den ersten Wochen fast rund um die Uhr. Mittlerweile weiß er, welche Anekdoten gut ankommen. Zum Beispiel die Geschichte mit dem Briefkasten, die er in Interviews und bei Podiumsdiskussionen immer wieder zitiert.