Josef Ackermanns Fall begann vor wenigen Tagen. Am Montag wurde in Walchwil, einem hübschen Örtchen am Zugersee in der Schweiz, Pierre Wauthier tot aufgefunden. Einen Tag später teilten die Behörden des Kantons Zug per Kommuniqué mit, dass der Mann vermutlich Selbstmord begangen habe. Wauthier war Finanzvorstand der Zurich Insurance Group, einem Versicherungsriesen mit rund 60.000 Angestellten. Er wurde 53 Jahre alt.

Der Todesfall stieß in der Schweiz sofort auf enorme Beachtung. Denn nur einen Monat zuvor war bereits ein anderer Topmanager freiwillig aus dem Leben geschieden: Carsten Schloter, Konzernchef des größten Telekommunikationsanbieters im Lande, hatte am 23. Juli seinem Leben ein Ende gesetzt.

Schon damals rätselte eine breite Öffentlichkeit, wie denn ein so jugendlich und dynamisch wirkender Erfolgsmensch, 49 Jahre alt, am Ende so verzweifelt sein könne. Psychologen räsonierten über die Einsamkeit an der Spitze, Management-Berater ließen sich in den Medien über die Belastung in den Teppichetagen aus, Journalisten recherchierten konzerninterne Konflikte und Schlafstörungen. Das auch in der Schweiz arg verbreitete Bild einer zynischen und verantwortungslosen Manager-Kaste bekam einen groben Riss.

"Familie meint, ich solle Verantwortung tragen"

Und jetzt Josef Ackermann. Der ehemalige Deutsche-Bank-Chef, auch er eher zum Typus des Feindbild-Managers gehörend, zog persönliche Konsequenzen aus dem Tod seines Untergebenen. Am Donnerstag früh ließ er mitteilen, dass er sein Amt als Aufsichtsratschef des Zurich-Konzerns sofort niederlegt.

"Der unerwartete Tod Pierre Wauthiers hat mich zutiefst erschüttert", sagte Ackermann. Er sehe eine weitere erfolgreiche Führung des Unternehmens "infrage gestellt". Was er mit einer rätselhaften Andeutung erklärte: "Ich habe Grund zur Annahme, dass die Familie meint, ich solle meinen Teil der Verantwortung hierfür tragen, ungeachtet dessen, wie unbegründet dies objektiv betrachtet auch sein mag." Ob hier der Vorwurf nachhallt, dass der Aufsichtsrat den Finanzchef zu sehr unter Druck gesetzt habe? Im Schicksal von Pierre Wauthier deutete sich jedenfalls an, wie stark die Belastungsreibungen, wie vielfältig die Druckstellen an der Spitze solch eines Konzerns wohl sind.

Ackermann hatte sich nach seinem Abschied von der Deutschen Bank eine phänomenale Elder-Statesman-Zweitkarriere aufgebaut: Er ging in den Verwaltungsrat zweier Familiengesellschaften des schwedischen Wallenberg-Clans, er gelangte in den Beirat der National Bank of Kuwait, er stieg ein ins Advisory Board der zweitgrößten Bank der Türkei und der chinesischen Bankenregulierungskommission. Zwischen diesen Frühstücksposten war aber die Stellung als Präsident der größten Versicherung seines Heimatlandes – und der sechstgrößten Versicherung Europas – von besonderer Bedeutung. Von hier aus meldete er sich nur noch selten zu Wort, und wenn, dann als kritische Stimme, welche die gängigen Meinungen der Business- und Politik-Gemeinde hinterfragte.

Wie gierig sind die Manager?

Sein Rücktritt und die Tragödien davor dürften nun eine zusätzliche politische Dynamik entfalten. Denn der Zufall will es, dass die Bevölkerung der Schweiz im November über einen Artikel abstimmt, den die Jungsozialisten in die Verfassung schreiben wollen – die sogenannte "1:12-Initiative". Diese verlangt, dass die höchstbezahlten Manager eines Konzerns nicht mehr als zwölfmal so viel verdienen wie die Person, welche am wenigsten erhält.

Offiziell geht es den Jungsozialisten vor allem darum, Lohndruck für die Schlechtbezahlten aufzubauen – "gemeinsam für gerechte Löhne", so der Slogan –, aber ein maßgebliches Wahlkampfthema war trotzdem gesetzt: Gier, Abzocke und Verantwortungslosigkeit an der Spitze. Die jüngsten Ereignisse zeigen allerdings eher, dass einzelne Manager ihre Position teuer bezahlen. Viel zu teuer.