Am Tag, als die Fabrik mehr als 1.000 Frauen und Männer unter sich begräbt, schaltet Maximilian Müller den Fernseher an. Der Tagesschau-Sprecher liest Meldungen über Silvio Berlusconi vor, über Steuerhinterziehung, über die Verhaftung des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny. Es ist der Abend des 24. April 2013.  

Dann sieht Müller die Trümmer. 

Die Aufnahmen zeigen ein achtstöckiges Gebäude, in der Mitte zusammen gesunken, die Betonteile sind übereinandergestapelt wie ein unordentlicher Haufen Papier. Silberne Stahlträger stechen in den Himmel. Müller sieht, wie die Helfer eine junge Frau in einem bunten Tuch wegtragen. Ihr Körper ist leblos, das Gesicht voll Blut. "Die meisten Opfer sind Frauen, die in Textilfabriken arbeiteten", sagt der Sprecher. Am Bildschirmrand eine Einblendung: Sabhar, Bangladesch.

Müller kennt Sabhar. Es ist ein Vorstadtbezirk, 25 Kilometer nordwestlich von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka gelegen. Reporter werden den Ort in den kommenden Wochen beschreiben: Eine dichte Ansammlung von Betonhütten, die Dächer aus Wellblech, dazwischen enge Gassen. Dutzende Textilfabriken stehen hier, die meisten entstanden in den vergangenen Jahren, als Bangladesch zum zweitgrößten Textilproduzenten der Welt aufstieg. Rana Plaza, der Trümmerhaufen in der Tagesschau, ist eine von mehr als 5.000 Textilfabriken im Land.

In Rana Plaza sterben an diesem Apriltag 1.129 Menschen. Von Betonteilen erschlagen, unter den Trümmern erstickt. Viele der Überlebenden verlieren eine Hand, ein Bein, einen Arm. Die Wände des Gebäudes zeigten seit Tagen tiefe Risse, alle konnten sie sehen. Die Aufseher der Textilfabriken lassen die Schicht am 24. April dennoch beginnen. Als die Fabrik gegen neun Uhr morgens einstürzt, sind 3.500 Menschen in dem Gebäude.

Im Fernsehen läuft jetzt der Wetterbericht. Müller hat nur eine Frage: Waren unsere Leute in der Fabrik? Viele deutsche Mode- und Textilunternehmen lassen in Bangladesch Kleidung anfertigen. Bei acht von zehn der meistverkauften Modemarken im Land steht Made in Bangladesch in den T-Shirts, den Hemden, den Hosen.

Wo wird unsere Kleidung produziert?   

Von H&M bis BOSS – Gibt es bei den großen Brands Fair Trade? Die Infografik auf ZEIT ONLINE verrät es Ihnen. © ZEIT ONLINE

Auch Müllers Firma, ein mittelständisches Textilunternehmen aus Süddeutschland, ist der Kolonne gefolgt. Erst nach China, dann nach Bangladesch, immer auf der Suche nach den niedrigsten Lohnkosten. Die toten Frauen in der Fabrik könnten auch für ihn genäht haben. Seine Zulieferer geben Aufträge an Subunternehmer weiter. Niemand in Müllers Firma weiß genau, wo die eigene Ware gefertigt wird. Müller schaltet den Fernseher aus.  

Der Modefabrikant Müller ist eine Erfindung. Dass es ihn nicht gibt, wir ihn nicht treffen konnten, heißt nicht, dass sich seine Geschichte so nicht ereignet haben könnte. In Rana Plaza haben auch deutsche Unternehmer nähen lassen, etwa der Discounter KiK oder der Massenmodenhersteller NKD aus Oberfranken. Die Chefs dieser Firmen kannten das Risiko. Sie haben die Bilder von Rana Plaza gesehen. Fünf Monate ist das jetzt her. Es gibt in Bangladesch und den Billiglohnländern Asiens noch Tausende unsichere, überfüllte Fabriken wie Rana Plaza. Wie lässt sich das nach dem Unglück rechtfertigen? Wie haben die Bilder des Einsturzes das Denken und Handeln der Textilmanager verändert?

Interviewanfrage bei C&A. Das Unternehmen bittet um Verständnis, "dass wir Ihnen zum gegenwärtigen Zeitpunkt leider kein Interview anbieten können."

Karl Rieker, ein Textilfabrikant aus Süddeutschland, möchte sich nicht äußern.

Esprit lehnt ein Interview ab.

H&M stimmt erst einem Gesprächstermin zu, sagt dann aber aus Termingründen ab. Vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt.

Modemarken leben von ihrem Image. Dieses Image soll in den Köpfen erhalten bleiben, es soll nicht beeinträchtigt werden durch Gedanken an marode Fabriken und Dumpinglöhne. Deshalb gibt es keine Antwort auf die Frage, was sich verändert hat in der Textilindustrie. Und auf die noch wichtigere Frage, ob alles unternommen wurde, damit kein zweites Rana Plaza geschieht.

Die Aktivistin hofft auf die Politik

Gisela Burckhardt zu Gast in der Sendung von Günther Jauch am 26. Mai 2013

"Die Katastrophe hätte verhindert werden können", sagt Gisela Burckhardt. Es ist der 26. Mai 2013, rund einen Monat nach dem Einsturz. Burckhardt ist Anfang 60. Sie hat dunkelblonde, kurze Haare und trägt einen grauen Blazer. Sie ist zu Gast in der Talkshow von Günther Jauch. Ihr gegenüber sitzt Dirk Niebel, der Entwicklungshilfeminister. Der Titel der Sendung lautet: Sind wir Schuld am Tod der Näherinnen?  

Burkhardt ist in den vergangenen Wochen zum Gesicht der  Empörung und Aufklärung in Deutschland geworden. Sie hat Gastbeiträge geschrieben, Interviews gegeben, sie hat seit dem Unglück viel zu tun. Sie weiß, dass die Aufmerksamkeit eine Chance ist, auch wenn sie das plötzliche Interesse ein wenig für einen Medienhype hält. Schon vorher hat es Unfälle und tote Frauen in Textilfabriken gegeben: Im November 2012 in Tazreen in Bangladesch, wenige Wochen vorher in einer Fabrik der Firma Ali Enterprise in Pakistan. Kein Unglück aber hat die Öffentlichkeit bisher so bewegt wie Rana Plaza.

Burckhardt ist die Chefin der Frauenrechtsorganisation Femnet und Aktivistin der Clean Cloth Campaign (CCC). Das europaweite Netzwerk kämpft seit Jahren für bessere Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie. Burckhardt kennt die Orte, an denen für einen Euro pro Tag Kleidung für den Westen produziert wird. Sie hat Hilfsprojekte in Südamerika, Asien und Afrika betreut, sie hat in Pakistan gelebt, dem Land, das jährlich Kleidung im Wert von acht Milliarden Euro exportiert. Sie war in Fabriken, in denen Hunderte Arbeiterinnen auf engstem Raum sitzen, in denen es stinkt, und in denen der Lohn trotz Überstunden und Akkordarbeit nicht reicht, um die Kosten für Miete und Nahrung zu decken. Sie hat Gebäude gesehen, in denen Notausgänge verriegelt und Fenster vergittert sind.

Seit Rana Plaza hat sie den Eindruck, dass etwas in Bewegung kommt.

Als die Fabrik einstürzte, gingen Partner des CCC sofort zum Unglücksort und halfen, die Opfer zu bergen. Anschließend zogen die Aktivisten Kleidungsstücke aus den Trümmern, sicherten und fotografierten die Etiketten. "Wir müssen herausfinden welche Zulieferer betroffen sind". Burckhardt weiß, dass es auf die Namen ankommt, nicht nur für die Journalisten, die wissen wollen, wer in Rana Plaza produzieren ließ. Sondern auch, um die Frage zu klären, wer verantwortlich ist. "Wenn die Firmen keine direkten Aufträge platziert haben, sondern über Zwischenhändler produzieren ließen, dann streiten sie eine Mitverantwortung ab", sagt Burckhardt. 29 Unternehmen stehen bald als Auftraggeber von Rana Plaza auf der Liste der CCC, darunter Benetton, Primark, KiK, C&A, Adler, das Zara- und Mango-Mutterunternehmen Inditex, NKD, El Corte Ingles, Bon Marché und Walmart. 

Die Überlebenden und Angehörigen von Rana Plaza: Klicken Sie hier, um die Fotostrecke zu sehen.

Drei Wochen später stellen die Aktivisten der Industrie ein Ultimatum. Sie sollen ein Brand- und Gebäudeschutzabkommen für Bangladesch unterzeichnen  –  sonst steigt der öffentliche Druck weiter und mehr Details werden bekannt. Die Vereinbarung, auf die die CCC und die Gewerkschaften dringen, soll die Unternehmen verpflichten, unabhängige Sicherheitsinspektoren in die Fabriken zu schicken und alte oder marode Gebäude zu sanieren. Seit einem Jahr versucht Burckhardt, dieses Abkommen mit deutschen Discountern und Massenmodeanbietern zu schließen. Mal verwiesen die Unternehmen auf ihr soziales Engagement, mal reagierten sie auf Anfragen gar nicht. "Immer wurden wir auf später vertröstet", sagt Burckhardt.

Noch immer keine Entschädigung für die Opfer

Jetzt, nach Rana Plaza, unterschreiben 32 internationale Firmen, darunter H&M, C&A, Primark, Benetton, Zara, Tchibo und Otto. Sogar die Billigkette Kik unterzeichnet das Papier. Mittlerweile hat das Abkommen Accord 89 Unterzeichner. Doch was wäre geschehen, hätten sich die Unternehmen ein Jahr früher dem Pakt angeschlossen? Vielleicht hätten sie das illegal gebaute Fabrikgebäude längst geschlossen. Das Leben von mehr als tausend Menschen wäre gerettet worden.

In Genf sollten an diesem Mittwoch und Donnerstag Verhandlungen über die Entschädigungen der Opfer von Rana Plaza und Tazreen stattfinden. Nur elf von 29 betroffenen Unternehmen folgten der Einladung der ILO, darunter immerhin auch Kik. Doch außer vagen Versprechungen erhielten die Familien in Bangladesch nichts. Ein halbes Jahr nach der Katastrophe ist Primark bislang das einzige Modeunternehmen, das eine Entschädigung gezahlt hat. 

Burckhardt hofft jetzt auf die Politik. Sie sagt, es brauche einen anderen, mächtigeren Hebel, der die Unternehmen zu einem anderen Verhalten zwingt. "Als die USA für einige Produkte aus Bangladesch Importzölle verlangte, reagierte die Regierung sehr schnell und überarbeitete das Arbeitsgesetz", sagt Burckhardt. Sie hält nichts davon, ganze Länder zu boykottieren. Sie will, dass in Bangladesch, in Indien, Pakistan und China Kleidung genäht wird. Doch die Fabriken müssten sich an die Regeln halten. Die Auftraggeber in Europa und USA müssten Verantwortung für das Leben der Menschen übernehmen, die die Hosen, Kleider und Jacken herstellen, die in westlichen Geschäften hängen. Immer billiger, ausgefallener und stets verfügbar. Fast Fashion nennt das die Industrie.

Natürlich könnte jeder Konsument in Deutschland die Hersteller des grauen T-Shirts, des marineblauen Schurwollpullovers, der Chino-Hose oder des Jerseykleides fragen, wo es herkommt. Doch macht das jemand? Ist es zu viel verlangt, dass sich die Kunden um die Herkunft ihrer Kleidung kümmern? Sollte die Politik nicht dafür sorgen, dass Menschen erst gar nicht für unsere Mode leiden müssen? Rana Plaza hat ein Fenster geöffnet, sagt Gisela Burckhardt, auch für neue Gesetze. Die Politik müsse sie nur beschließen.

Der EU-Kommissar sagt: "Wir haben einen ziemlichen Hebel"

Es gibt einen Mann, der das Leben der Näherinnen in Bangladesch verbessern könnte. Es ist der Belgier Karel de Gucht, 59 Jahre alt, früher Außenminister und heute der mächtigste Handelspolitiker der EU. An einem Julitag sitzt er in seinem klimatisierten Büro in Brüssel, ein Mann im weißen Hemd mit grauen Haaren. De Gucht sagt: "Wir haben einen ziemlichen Hebel".  

Die EU ist der größte Handelspartner von Bangladesch. Im Jahr 2010 haben die Europäer Textilien im Wert von 6,6 Milliarden Euro importiert. Zwei Jahre später waren es schon 9,2 Milliarden. Mehr als die Hälfte aller Exporte aus Bangladesch landet am Ende in europäischen Warenhäusern.

Deshalb, sagt de Gucht, sei sein erster Gedanke nach dem Einsturz von Rana Plaza gewesen: "Jetzt reicht es." Die EU hat mit Bangladesch ein Abkommen geschlossen, es heißt "Alles außer Waffen". Die Unternehmen aus Bangladesch dürfen seit dem Jahr 2001 aufgrund dieses Abkommens Waren in die EU exportieren, ohne Zoll zu zahlen. Wenn die Beamten in Brüssel wollten, könnten sie es jederzeit kündigen. "Die Regierung in Bangladesch muss dafür sorgen, dass die Textilfabriken regelmäßig kontrolliert werden und mittelfristig internationale Sicherheitsstandards einhalten. Sonst kündigen wir dieses Abkommen und Bangladesch muss normale Einfuhrzölle zahlen", sagt de Gucht. Das ist das stärkste Mittel, das die EU hat.

Die EU übt Druck auf die Regierung in Bagladesch aus

Warum hat de Gucht es bisher nicht eingesetzt? "Sie müssen die nötige Balance halten", sagt er. "Wenn wir einfach das Abkommen kündigen, was wäre dann erreicht? Wenn Sie der größte Kunde sind, müssen Sie mit dem Partner reden." De Gucht sagt, dass er das in den vergangenen Monaten getan hat. Er hat mit Politkern in Bangladesch gesprochen und mit Unternehmen. Er wollte Fortschritte von ihnen, auch wenn sie klein sind: "Europäische Preise können nicht das Ziel sein. Die Löhne und Arbeitsbedingungen in Bangladesch können nicht von heute auf morgen die gleichen sein wie in Europa."

Anfang Juli traf de Gucht in Genf die Außenministerin Bangladeshs, Dipu Moni, und den Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Gemeinsam verabschiedeten sie ein Papier mit sperrigem Namen: "Pakt für kontinuierliche Verbesserungen der Arbeitnehmerrechte und der Sicherheit in Fabriken in der Konfektionskleidungs- und Strickwarenindustrie in Bangladesch". Es ist ein zweiter Schritt. Damit flankiert die EU die Selbstverpflichtung, die die CCC zuvor mit den Unternehmen ausgehandelt hat.  

Das Papier von de Gucht sieht vor, dass Bangladesch bis 2013 sein Arbeitsrecht reformiert. Die dortigen Behörden sollen außerdem 200 zusätzliche Prüfer einstellen, die den Arbeitsschutz kontrollieren. Bis Mitte 2014 soll die Regierung die Sicherheit der Fabriken und den Brandschutz verbessern. "Die Regierung wird einige Gebäude schließen müssen", sagt de Gucht. "Sie können nicht einfach nur reparieren, wenn sie auf ein sechsgeschossiges Gebäude zwei Stockwerke draufgesetzt haben."

Die internationale Arbeitsorganisation soll das Abkommen überwachen. De Gucht sagt, er hoffe, dass sich dadurch in Bangladesch etwas ändert. Versprechen kann er es nicht. "Die Kommission kann zumindest Druck ausüben, um neue Regeln durchzusetzen." Jeder Druck auf ein einzelnes Herstellungsland erzeuge darüber hinaus Gegendruck: Die Firmen zögen weiter, sagt De Gucht, "die Kleidung kommt dann morgen aus Laos, Vietnam oder Myanmar."

"Es gibt kaum Orte auf der Welt, die billiger sind als Myanmar"

Ein Foto zeigt den Gewerkschaftler Maung Maung mit US-Präsident Barack Obama.

In einer Seitenstraße in Rangun, der größten Stadt in Myanmar, sieht Maung Maung den Treck der Textilindustrie kommen. Maung ist ein Mann mit kurzem schwarzen Haar, er trägt einen landesüblichen Wickelrock, den Longyi. 

Er ist der Chef der Federation of Trade Unions of Myanmar (FTUM), einer der größten Gewerkschaften in Myanmar. 50 Millionen Menschen leben in dem Land zwischen China und Indien. Es ist eine der ärmsten Volkswirtschaften der Welt. Die Militärregierung hat vor zwei Jahren überraschend einen demokratischen Wandel eingeleitet und das Land für ausländische Investoren geöffnet. Die westlichen Industriestaaten haben daraufhin ihre Sanktionen gelockert. Seitdem gibt es in Myanmar Coca-Cola zu kaufen, die Bürger können mit Kreditkarten zahlen, mehr Unternehmen investieren. Auch die Textilindustrie kam ins Land.

Die Regierung sagt, dass sich die Investitionen von Textilunternehmen im vergangenen Jahr verfünffacht haben. Die Unternehmensberatung McKinsey schätzt, dass die Wirtschaftsleistung von Myanmar in den kommenden 20 Jahren vier Mal so hoch wie heute sein wird. Myanmar wäre so reich wie Marokko. Maung sagt: "Was gerade auf uns zukommt, ist überwältigend."

Das Büro von FTUM liegt in einer kleinen Wohnung, ein Dutzend Leute arbeiten hier, sie sitzen dicht an dicht vor ihren Monitoren, entwerfen Flugblätter und werten Berichte aus. Die Hitze drückt, draußen prasselt der Monsun gegen die Fenster. Maung sagt, er habe Angst, dass Myanmar das nächste Bangladesch werden könnte. Er hat dafür Gründe. Die Löhne im Land sind im internationalen Vergleich niedrig, billige Arbeitskräfte gibt es viele. Laut dem Verband der Textilhersteller verdient ein Arbeiter in der Textilindustrie durchschnittlich rund 100 Dollar im Monat. Die Clean Cloth Campaign berichtet hingegen von Arbeitern, die lediglich 35 Dollar im Monat verdienen – rund halb so viel wie in Bangladesch. "Noch sind wir nicht das neue Bangladesch", sagt er. "Aber die Gefahr besteht".

Der Boom träfe das Land unvorbereitet. Noch im vergangenen Jahr waren Gewerkschaften verboten. Maung Maung konnte erst vor einem Jahr aus seinem fast 25-jährigen Exil zurückkehren. Vor wenigen Monaten galten Gewerkschaftler noch als Terroristen.

Vor Maung Maung liegen ausgedruckte Powerpoint-Folien. Darauf steht das Problem. Die FTUM zum Beispiel ist zwar eine der größten Arbeitnehmerorganisationen des Landes mit immerhin rund 13.000 Mitgliedern. Doch nur 2.000 von ihnen sind geschult und wissen, welche Rechte sie haben.

Dagegen steht ein Arbeiterheer von rund 33 Millionen Menschen. Allein in der Textilindustrie sollen in den kommenden Jahren rund 1,2 Millionen Jobs entstehen. "Verstehen Sie unsere Schwierigkeit? Die Leute wissen überhaupt nicht, was ihnen zusteht und was sie gegen Ungerechtigkeiten machen können", sagt Maung.

Mindestlohn von drei oder vier Dollar pro Tag

Nur wenige Leute kontrollieren die Fabriken, die derzeit überall im Land entstehen. Der Staat hat ohnehin andere Probleme, und außerdem sei dem Regime nicht zu trauen, sagt Maung. Die NGOs im Laden hätten oft keinen Zugang zu den Produktionsstätten. Die Ein Mitarbeiter der Internationale Arbeitsorganisation, der seit sieben Jahren im Land ist, sagt: "Wir haben noch lange keinen Überblick."

Schon jetzt kursieren Berichte von jenen Beschäftigten, die NGOs und Gewerkschaften bereits ausbilden konnten. Sie erzählen von Arbeitern, die entlassen werden, wenn sie einen Tag krank sind oder sich einer Gewerkschaft anschließen wollen. Von zu wenigen Toiletten, versperrten Notausgängen und Zwangsarbeit. Alles Dinge, die in Bangladesch dazu führten, dass mehr als tausend Menschen starben.

Maung Maung wird in den kommenden Jahren seine ganze Kraft brauchen, um Ähnliches in seinem Land zu verhindern. Er selbst hat Hoffnung. Die Hoffnung derer, die nicht mehr viel zu verlieren haben. Maung Maung ist optimistisch, dass im kommenden Jahr ein Mindestlohn gelten wird, drei oder vier Dollar pro Tag. Den Arbeitgebern gegenüber hat er ein gutes Argument: "Wo sollen die Unternehmen denn hin, wenn ihnen Myanmar zu teuer ist?", fragt er. "Es gibt kaum Orte auf der Welt, die billiger sind."

Es könnte eine falsche Hoffnung sein. Das System, das Fabriken wie Rana Plaza hervorbrachte, steht und es folgt bis heute der gleichen Logik: je billiger, desto besser. Die Firmen aus dem Westen werden weiter versuchen, über ihre Zuliefer in Bangladesch, Pakistan oder China, die Preise zu drücken. Bessere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, Entschädigung für die Opfer kosten zu viel Geld, die Konkurrenz ist zu groß, etwas anderes ist im System nicht vorgesehen. Von allein wird diese Industrie sich nicht bewegen. Politiker wie Karel de Gucht müssen deshalb handeln.

Ansonsten wird Maximilian Müller, der Textilfabrikant, der nicht reden will über das, was sich ändern müsste, in ein paar Monaten wieder vor dem Fernseher sitzen. Die Tagesschau wird Bilder zeigen von einer neuen eingestürzten Fabrik, deren Namen bis dahin niemand kannte. Vielleicht steht sie dann in China, vielleicht in Pakistan oder in Myanmar.