Die Mörder schickten ihre Drohung per SMS. "Guerilleros Hurensöhne die ihr Nestlé belästigt. Es gibt kein Pardon. Wir zerstückeln euch. Tod allen Kommunisten von Sinaltrainal." Unterzeichnet war die Nachricht mit dem Kürzel "Los Urabeños". Die Gruppierung ist eine der gefährlichsten und skrupellosesten paramilitärischen Banden in Kolumbien.

Anfang November bekamen Mitarbeiter der Nestlé-Gewerkschaft Sinaltrainal die Nachricht auf ihr Mobiltelefon. Kurz zuvor hatten einige von ihnen im Nestlé-Werk in Bugalagrande im Westen Kolumbiens einen Hungerstreik begonnen, weil der Konzern sich ihrer Meinung nach nicht an Zusagen gehalten hatte. Wenige Tage nach der Morddrohung wurde einer von ihnen, Oscar Lopez Trivino, in Bugalagrande von vier Kugeln getroffen. 25 Jahre hatte Lopez für Nestlé gearbeitet. Wer die Mörder bezahlt hatte, ist bis heute unklar.

In Kolumbien gibt es viele Auftragsmorde, vor allem Gewerkschaftler leben gefährlich. Doch die Mordserie im Umfeld von Nestlé ist selbst für kolumbianische Verhältnisse außergewöhnlich. "Wir haben in den vergangenen Jahren 13 Kameraden verloren", sagt der Chef von Sinaltrainal, Javier Correa. Er wirft den Behörden und Nestlé vor, auf die Morde mit Tatenlosigkeit zu reagieren: "Die Täter und die geistigen Urheber werden weder ermittelt noch bestraft."

Nestlé Kolumbien forderte am vergangenen Wochenende die rückhaltlose Aufklärung des Mordes. Das Unternehmen verurteilte die Tat zudem "ausdrücklich". Den Gewerkschaftlern geht das jedoch nicht weit genug. Sie argumentieren, dass der Mord an Lopez mit dem Hinweis auf das Unternehmen angekündigt wurde. Der Konzern müsse deshalb eigene Anstrengungen unternehmen, um das Verbrechen aufzuklären. Stattdessen, so der Vorwurf, habe Nestlé eine gewisse Routine im Umgang mit den Morden entwickelt. Das Unternehmen zahle zwar einen Zuschuss zur Beerdigung von rund 2.500 Kolumbianischen Pesos, umgerechnet rund 1.000 Euro. Außerdem gewähre das Unternehmen psychologische Hilfe. Einen Fonds aber, der den Hinterbliebenen der Mordopfer in ihrer Not helfen könnte, gebe es bis heute nicht. 

"Man verhandelt und dann ist alles vergessen"

Das Unternehmen weist die Vorwürfe als "haltlos und inakzeptabel" zurück. Es verweist auf zahlreiche Gespräche, die seither mit der Gewerkschaft stattgefunden haben. Nestlé teilt auf Anfrage mit, man habe auf das Verbrechen mit besseren "Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der Sinaltrainal-Gewerkschaftsführer" reagiert. Dazu zähle eine "vorübergehende Wohnortverlegung der Gewerkschaftler, verschärfte Sicherheitsmaßnahmen in ihren Wohnungen und in der Gewerkschaftszentrale sowie die Einführung flexibler Arbeitszeiten".  Nestlé verspricht zudem, man werde sich auf ein "Übereinkommen mit Sinaltrainal über die Agenda zum Wohl unserer Arbeiter und ihrer Familien" einigen. Wie viel dieses Papier wert ist, bleibt ungewiss. "Das Unternehmen verfolgt immer die gleiche Strategie. Man verhandelt, einigt sich, unterzeichnet ein Abkommen und dann ist alles wieder vergessen", sagt Correa.

Der Fall Sinaltrainal und Nestlé steht stellvertretend für die Probleme vieler Gewerkschaftler in Kolumbien. Oft bleiben brutale Hinrichtungen unaufgeklärt. Vor allem die Staatsanwälte seien zu selten bereit, wirklich hartnäckig zu ermitteln. Dabei wirft die Mordserie Fragen auf: Wieso bezogen sich die Mörder in ihrer Drohung auf Nestlé – und aus welchem Interesse?