Mary Barra weiß sich zu wehren. Als sie vor Jahren als stellvertretende Personalleiterin von General Motors (GM) den einstmals zehn Seiten langen Dresscode des Unternehmens vereinfachte, legten einige Manager Protest ein. "Sie schrieben E-Mails und riefen mich an und sagten: ,Du musst es genau aufschreiben‘", erzählte Barra unlängst auf dem "Most Powerful Women Summit", dem Gipfeltreffen der mächtigsten Frauen des Magazins Fortune. Barra konterte die Kritiker der Manager per Mail: "Ich kann Ihnen ein Budget über zehn Millionen Dollar und die Aufsicht von 20 Mitarbeitern anvertrauen, aber Sie schaffen es nicht, sich selbst passend zu kleiden?"

Barra, 51 Jahre alt, wird künftig ganz andere Konflikte lösen müssen. Am Dienstag kündigte der bisherige Chef von GM, Dan Akerson, überraschend seinen Rückzug von der Spitze an. Kurz zuvor hatte die US-Regierung, die den Autokonzern in der Krise mit 50 Milliarden Euro gerettet hat, ihre Anteile an dem Unternehmen wieder abgestoßen. Für den Autokonzern beginnt damit eine neue Ära an. Mary Barra soll das neue Zeitalter gestalten.

Diejenigen, die sich mit General Motors auskennen, halten sie für eine gute Besetzung. "Viele heben nun hervor, dass sie eine Frau ist, die erste Chefin eines Autokonzerns", sagt die Autoanalystin Maryann Keller. "Aber das ist nicht der Grund, warum sie ausgewählt wurde. Sie wurde auserkoren, weil sie die beste Wahl für die Firma ist." Auch Ken Elias vom Beratungsunternehmen Maryann Keller & Associates sagt: "Sie ist vielseitig, wird intern geschätzt und ist ziemlich pfiffig." Akerson selbst beschreibt seine Nachfolgerin als "eine der begabtesten Führungskräfte", der er in seiner Karriere je begegnet ist. "Sie wurde wegen ihres Talent ausgesucht, nicht wegen ihres Geschlechts", betonte er. 

Barra stammt aus Michigan, ihr Vater war 39 Jahre lang Arbeiter für die frühere GM-Marke Pontiac. Ihre Karriere startete sie im Alter von 18 Jahren als Studentin am Forschungsinstitut von General Motors, der heutigen Kettering University. Früh begeisterte sich Barra für Mathematik und Naturwissenschaften. Nebenbei arbeitete sie als Betriebsingenieurin in einem der GM-Werke. Das Klima im Unternehmen, sagte sie unlängst in Interviews, sei rau gewesen, aber das habe sie widerstandsfähiger gemacht. Dass sie als Frau anders behandelt werden sollte als ein Mann, findet sie nicht. Nach ihrem Abschluss wurde sie von General Motors für ein Stipendienprogram ausgewählt. Barra studierte anschließend in Stanford und begann im Unternehmen aufzusteigen.

Heute arbeitet sie seit mehr als 30 Jahren für den Autokonzern. Seit 2011 gilt sie als potentielle Kandidatin für den Chefposten. Damals machte sie Akerson zur Leiterin der globalen Produktentwicklung, einer strategisch wichtigen Stelle im Konzern mit rund 15 Milliarden Dollar Budget. Der Maschinenbau und das Produktdesign, das Barra fortan verantwortete, bestimmen grundlegend den Geschäftserfolg von Autokonzernen.

"No more crappy cars"

Der Führungswechsel kommt nun für Barra zu keinem ungünstigen Zeitpunkt. GM hat sich nach den Krisenjahren wieder erholt. Seit mittlerweile 15 Geschäftsquartalen ist das Unternehmen nunmehr profitabel. In diesem Jahr will GM erstmals wieder mehr als zehn Millionen Fahrzeuge verkaufen. Das neue Chevrolet-Modell Impala wurde unlängst vom wichtigen US-Verbrauchermagazin Consumer Report zum besten Auto des Jahres 2014 gewählt. Und auch die amerikanische Wirtschaft erholt sich langsam.

Anders sieht das jedoch in Europa aus. Vor allem die deutsche GM-Tochter Opel bleibt ein Sorgenkind des Konzerns. "Sie wird sich auf Fragen konzentrieren müssen wie: Wie kann Opel Marktanteile in Europa gutmachen? Und wie kann die Marke in das Gesamtgeschäft integriert werden?", sagt Berater Elias. Die Chancen, dass ihr das auch gelingt, stehen seiner Meinung nach nicht schlecht: "Die europäische Wirtschaft wird sich erholen. Und wenn sie gute Fahrzeuge bauen, werden die Leute das merken."

Dass gute Produkte der Schlüssel zum Erfolg sind, betont Barra schon lange. Ihre Anweisung an die Mitarbeiter lautete zuletzt schlicht: "No more crappy cars." Übersetzt heißt das soviel wie: "Keine schrottigen Autos mehr." Ihre eigene Aufgabe sieht Barra darin, den Angestellten die Möglichkeit zu geben, bessere Produkte zu entwickeln. "Es gibt keine Entschuldigung mehr: Ob es das Budget ist, ob es die Ressourcen sind – es ist unser Job, alles für die Mitarbeiter möglich zu machen."