Gerade eben hat der Fahrer des Milchsammelwagens Ottmar Ilchmann die Abrechnung in die Hand gedrückt. 40 Cent zahlt die Molkerei dem Landwirt aus Ostfriesland für jeden Liter Milch. Im vergangenen Jahr waren es in einigen Monaten sogar 43 Cent. "Das sind Preise, mit denen man die Kosten decken kann", sagt Ilchmann.

Was nach Jammern klingt, ist genau das Gegenteil. Endlich einmal kostendeckende Preise, so viel Zufriedenheit unter den Milchbauern gab es schon lange nicht mehr. Seit Monaten steigen die Milchpreise von Rekordhoch zu Rekordhoch. Vergessen die Zeiten, in denen Milchbauern demonstrativ und öffentlichkeitswirksam ihre Milch in den Gulli schütteten und 40 Cent als fairen Preis verlangten – aber tatsächlich nur 21 Cent für den Liter erhielten.

Seit der Milchkrise 2009/2010 hat der Preis sich verdoppelt. Das Geschäft boomt. Die Landwirte produzieren Höchstmengen – und das, obwohl die Zahl der Betriebe seit Jahren sinkt. Deutschland ist inzwischen der größte Milchproduzent in der EU.

Getrieben wird die Entwicklung vor allem vom Export. In China, wo immer häufiger Lebensmittelskandale die Verbraucher verunsichern, werden teilweise 3,50 Euro für einen Liter Milch gezahlt – aber nur, wenn sie aus dem Ausland stammt. Gerade die neue chinesische Mittelschicht hat Durst auf Milch. Der deutsche Milchindustrie-Verband MIV vermeldet etwa, dass sich der Export deutscher Trinkmilch nach China seit 2007 vertausendfacht hat. Zwischen Januar und Oktober hat Deutschland nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums Milch, Butter und Käse im Wert von 7,9 Milliarden Euro exportiert. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das einem Plus von elf Prozent.

Nicht alle teilen die Euphorie

Es ist ein hart umkämpfter Markt, auf dem sich die deutschen Milchbauern da tummeln. Vor allem Neuseeland, die USA und die EU haben das Geschäft in der Hand. Der weltweit größte Exporteur ist inzwischen Neuseeland, auf das 32 Prozent aller weltweit gehandelten Milchprodukte entfallen. Im vergangenen Jahr exportierten die Neuseeländer – und allen voran deren größte Molkerei Fonterra – knapp 1,2 Millionen Tonnen Vollmilchpulver. Europa gehört mit 792.000 Tonnen zu den größten Käseexporteuren weltweit.

Geht es nach den Molkereien, dann sollen deutsche Milchbauern künftig noch stärker auf dem Weltmarkt mitmischen. "Ziel ist es, den Export von Milchprodukten in Länder außerhalb der EU zu steigern",  sagt ein Sprecher des Milchindustrie-Verbands. In Deutschland würden die Menschen immer älter und die Bevölkerungszahl gehe eher zurück. Gleichzeitig steige aber die produzierte Milchmenge.

Doch nicht alle Landwirte teilen diese Euphorie. Der Bundesverband Deutscher Milchviehbauern (BDM) warnt bereits, dass die große Exportnachfrage nur von kurzer Dauer sein könnte. "Wir müssen gerüstet sein, wenn die Nachfrage aus China wieder zurückgeht", sagt BDM-Vertreter Hans Foldenauer. Er verweist auf Russland, das etwa 2013 gegenüber Niedersachsen, Bayern und anderen Bundesländern sowie Litauen ein Importverbot für Milch verhängte – und damit alle Milchbauern verunsicherte, schließlich gehört Russland zu einem wichtigen Absatzmarkt. "Durch steigende Exporte machen wir uns immer abhängiger von sich schnell verändernden Märkten in nicht immer kalkulierbaren politischen Systemen", warnt er.