Wie die Liberalisierung traditionelle Berufe zerstört – Seite 1

Es kling erst einmal alles sehr plausibel. Die Europäische Kommission will den Zugang zu den sogenannten reglementierten Berufen erleichtern, also etwa für Apotheker oder Handwerksmeister. Das soll den Fachkräftemangel lindern, die Wirtschaft beleben und für niedrigere Preise sorgen. Im Blick hat Brüssel dabei vor allem die Verbraucher, also jeden, der Dienstleistungen nachfragt. Die Logik: Eine Fachkraft mit Titeln oder Abschlüssen verdient üblicherweise mehr. Und das höhere Honorar führt am Ende zu einem höheren Preis. Das gefällt niemandem, oder?

 

Deshalb drängt die Kommission die Mitgliedsstaaten, die Zugangsbeschränkungen abzubauen. Bis Ende Februar sollen die Länder sämtliche verdächtige Berufe nach Brüssel melden. Eine solche Zugangsbeschränkung kann auch ein Meisterbrief sein, weshalb das Handwerk eine Attacke Brüssels auf die duale Ausbildung und den deutschen Meisterbrief wittert. Bundeskanzlerin Angela Merkel kündigte schnell an, beides gegen die EU verteidigen zu wollen: "Dafür müssen wir kämpfen. Qualität hat auch ihre Kosten."

Sind liberalisierte Arbeitsmärkte immer besser?

Da stellt sich die Grundsatzfrage: Sind liberalisierte Arbeitsmärkte per se besser für Verbraucher und Arbeitnehmer? Es gibt in Deutschland ein gutes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn auf einen Schlag eine dieser Zulassungsbeschränkungen wegfällt. Im Zuge der Hartz-Reformen schaffte Rot-Grün 2004 für Dutzende von Handwerksberufen den Meisterbrief als Voraussetzung ab, um ein Unternehmen zu gründen.

Wer wissen will, ob damit tatsächlich – wie damals versprochen – mehr Arbeits- und Ausbildungsplätze geschaffen wurden, sollte Raimund Merx anrufen. Merx ist Fliesenleger und kann deshalb aus eigener Erfahrung berichten, was zehn Jahre Liberalisierung der Branche gebracht haben. Denn um einen Fliesenfachbetrieb zu eröffnen, ist kein Meister mehr nötig.

Auf die Novelle angesprochen, holt Merx tief Luft. Der Handwerker aus dem bayerischen Burgkirchen hält die Reform schlichtweg für eine Katastrophe. "Ich sehe weinenden Auges dem Niedergang des Handwerks zu." Der von ihm geführte Betrieb mit fünf Fliesenlegern und zwei Meistern beschäftigt gerade seinen letzten Auszubildenden. Im Sommer ist der junge Mann fertig. Merx sagt: "Ich möchte das Spielchen nicht mehr mitmachen."

Rund 25.000 Euro koste ihn eine dreijährige Ausbildung. Vor der Reform hätten die Gesellen danach ein paar Jahre in seinem Ausbildungsbetrieb gearbeitet und sich frühestens nach einer Meisterprüfung selbstständig gemacht. So holte der Betrieb die hohen Kosten für die Ausbildung zumindest in Teilen wieder herein. Doch das passiert jetzt immer seltener. Stattdessen hat sich einer der Azubis von Merx 300 Meter Luftlinie entfernt als Ein-Mann-Unternehmen selbstständig gemacht hat. Ganz ohne Meisterbrief.

Ausbildung lohnt sich nicht mehr


Merx hat es satt, Geld in die Ausbildung von jungen Männern stecken, die ihm mit Dumpingpreisen das Wasser abgraben. 42 Jahre nach der Gründung des Unternehmens durch den Vater begräbt "Fliesen-Merx" das ganze Projekt Ausbildung. Der Handwerker will jetzt Mitarbeiter aus Osteuropa anstellen, die unter Aufsicht seiner ausgebildeten Fachkräfte Bäder und Terrassen fliesen sollen. In spätestens zehn Jahren, schätzt er, werde der letzte Fliesenleger in Bayern ausgebildet.

Seit Abschaffung der Meisterpflicht ist die Ausbildung in den Betrieben regelrecht eingebrochen. In ganz Deutschland legten 2011 nur noch 98 Kandidaten erfolgreich ihre Meisterprüfung im Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerhandwerk ab. Sechs Jahre zuvor waren es noch 250. In Bayern halbierte sich die Zahl der Lehrlinge im Estrichlegerhandwerk zwischen 2005 und 2012 von 61 auf 33. Bei den Fliesenlegern ging es von 518 auf 457 nach unten – obwohl Fachkräfte in der Zeit gesucht waren.

Klagen häufen sich

Das hat dramatische Folgen für die Qualität. Merx wird von Gerichten auch als vereidigter Sachverständiger bestellt, um im Streitfall etwa festzustellen, ob Fliesen oder Natursteine auf einer Dachterrasse richtig verlegt wurden. Seit der Reform sei die Zahl der Schäden regelrecht explodiert, berichtet der Bayer. Rund die Hälfte der Fehler gehe auf das Konto von Fliesenlegern ohne Meisterbrief. So zeigt sich: Für den Verbraucher hatte die Gesetzesnovelle tatsächlich zunächst den Vorteil, dass das Verlegen von Fliesen günstiger wurde. Aber parallel dazu sank offenbar die Qualität – was langfristig wieder Kosten verursacht. Der Landesverband Bayerischer Bauinnungen kann seine Reformbilanz in einem knappen Halbsatz zusammenfassen: "Kaum Nachwuchs, sinkende Qualität und eine Häufung von Schäden." 

Es trifft aber nicht nur die Kunden, denen Badfliesen von der Wand krachen. Auch eines der wichtigsten Reformziele verfehlte die Novelle laut Experten: die Schaffung von Arbeitsplätzen. In einer Studie der Universität Göttingen zeigte sich, dass die Zahl der Gründungen durch die Handwerksnovelle zwar anstieg – aber zugleich eine Pleitewelle das Handwerk erfasste. Während mit Meisterbrief mehr als zwei Drittel der Unternehmen die ersten fünf Jahre überlebten, war es nach der Reform nur noch weniger als die Hälfte. Die Experten am volkswirtschaftlichen Institut für Mittelstand und Handwerk ziehen ein vernichtendes Fazit: "Die herausragenden volkswirtschaftlichen Stärken des Handwerks als Reservoir für solide Existenzgründungen und Nachwuchsschmiede haben sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich abgeschwächt."