Wäre Valentin Vogt noch junger Angestellter, würde er sich jetzt einen Arbeitsplatz in Deutschland suchen. Oder in Frankreich. Irgendwo, nur nicht in der Schweiz. "Wer kommt in ein Land, das einem sagt: Im September haben wir ein Kontingent für Sie", fragt Vogt, 53, und beantwortet die Frage gleich selbst. "Ich würde das nicht tun." Darauf ließen sich doch nur weniger Qualifizierte ein, sagt Vogt der Neuen Zürcher Zeitung.

Vogt ist kein normaler Angestellter. Er ist Präsident des Schweizer Arbeitgeberverbands und damit eine der wichtigsten Stimmen der Wirtschaft.

Am Sonntag stimmten die Schweizer in einer Volksabstimmung gegen mehr Zuwanderung – und haben damit die Unternehmen des Landes in eine Art Schockstarre versetzt. Der Arbeitgeberpräsident ist mehr als "enttäuscht" über das Ergebnis der Abstimmung. Der Pharmakonzern Novartis teilt auf Nachfrage mit, dass man die Entscheidung "mit Sorge zur Kenntnis genommen" habe. Jetzt gehe es darum, den Schaden für den Wirtschaftsstandort zu begrenzen, sagt Pascal Brenneisen, Chef des Schweiz-Geschäfts des internationalen Pharmaunternehmens.

Oft – und so kennt man es auch aus Deutschland – fürchten sich gerade die Arbeitnehmer mit geringer Qualifikation vor Zuwanderern. Denn wer an der Supermarktkasse Milch und Brot über den Scanner schiebt oder Nudelpackungen einsortiert, hat Angst, dass er schnell ersetzt werden kann – ein Universitätsabschluss ist für solche Tätigkeiten nicht nötig.

Doch in der Schweiz ist die Situation anders: Die Qualifikation der Zuwanderer hat sich geändert, sagt der Chef des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts, der Schweizer Thomas Straubhaar. Während jahrzehntelang der sogenannte Blue-Collar-Worker im Overall zum Arbeiten kam, sind es nun Höherqualifizierte, die im weißen Hemd am Schreibtisch sitzen (White Collar).

Vor allem diese gut ausgebildeten Arbeitnehmer haben in den vergangenen Jahren die Grenze überquert. Sie arbeiten in Universitäten und Schulen, in Krankenhäusern, Versicherungen und Banken. Und dort, befürchtet Straubhaar, dürften die Fachkräfte nun spürbar knapper werden: Diese Branchen seien auf ausländische Arbeitnehmer angewiesen.  

Wie Deutschland profitiert die Schweiz enorm von ausländischen Arbeitnehmern und dem Handel mit Europa. Mehr als die Hälfte ihrer Exporte geht in die EU, die Importe aus EU-Staaten machen sogar 74 Prozent der Gesamtimporte aus. Für die Schweiz ist die EU der mit Abstand wichtigste Handelspartner.