Joe Kaeser muss sich keinen Illusionen hingeben. Sollte dem Siemens-Chef tatsächlich der Einstieg beim französischen Konkurrenten Alstom gelingen, handelt es sich keinesfalls um eine Liebesheirat. Die Münchner werden bei der Regierung in Paris allenfalls als das kleinere Übel im Gegensatz zum US-Konzern General Electric (GE) gesehen. Darüber dürfen auch die schwärmerischen Aussagen über die Schaffung zweier "europäischer Champions" im Energie- und Transportwesen nicht hinwegtäuschen.

Tatsache ist, dass die Nachricht von einem geplanten GE-Gebot für den schwächelnden Alstom-Konzern die Regierung auf dem linken Fuß erwischte. Dass Alstom Probleme hatte, war spätestens im Februar klar, als Konzern-Chef Patrick Kron zum zweiten Mal binnen neun Monaten die Gewinnziele nach unten korrigierte. Paris beauftragte damals die Unternehmensberatung Roland Berger mit einer Studie über den Zustand und die Zukunftsaussichten des Unternehmens und erwog sogar einen Kapitaleinstieg - wie anno 2004, als Alstom kurz vor der Pleite stand.

Die Lage wurde letztlich doch nicht als so gravierend eingeschätzt. Schließlich mussten auch die Schweizer ABB und Siemens ihre Erwartungen dämpfen. Bei Alstom hieß es, eine solche Maßnahme sei "nicht an der Tagesordnung".

Der Hersteller der Hochgeschwindigkeitszüge TGV und von Turbinen für Gaskraftwerke und Atomreaktoren wird in Frankreich ungeachtet seiner Schwierigkeiten und trotz der wachsenden Konkurrenz aus dem asiatischen Raum als eines der Aushängeschilder der französischen Wirtschaft betrachtet. Und die Tradition im Nachbarland will seit den Tagen von Jean-Baptiste Colbert, dem Finanzminister von Sonnenkönig Ludwig XIV., dass sich der Staat auch aktiv in die Privatwirtschaft einmischt.

Bloß kein Amerikaner

So kommt es, dass zwar zum Beispiel der staatlich dominierte Energiekonzern Electricité de France (EdF) seit Jahren ins Ausland expandiert, die Liberalisierung des Strommarktes im Heimatland jedoch stockt. Erst im März blockierte Paris im Rat der europäischen Finanzminister (Ecofin) einen "ehrgeizigen Kalender" für die Einführung der freien Wahl des Energielieferanten.

Dass ein US-Unternehmen nun die Hand gerade an die Energiesparte von Alstom legen will, die 70 Prozent der Unternehmensaktivitäten ausmacht, wird in diesem Zusammenhang wie ein Donnerschlag aufgefasst. Da hilft es auch nichts, dass der (französische) EU-Binnenmarkt-Kommissar Michel Barnier eine deutliche Botschaft an Paris richtete: "Dass eine Regierung proaktiv handelt, ist eine gute Sache", sagte er. "Aber es steht ihr nicht an, als Schiedsrichter aufzutreten. Wir befinden uns im Privatsektor, wir sind nicht mehr in der Verwaltungswirtschaft."

Ganz anders sieht das der unlängst vom Industrie- zum Wirtschaftsminister beförderte Arnaud Montebourg. "Angesichts der strategischen Bedeutung für die französische Industrie und Wirtschaft wird die Regierung es nicht hinnehmen, dass eine wie auch immer geartete Entscheidung voreilig und ohne Kenntnis von Alternativen im Interesse der Nation getroffen wird", teilte der Minister am Sonntagmittag mit.