Nun kann man über Monarchen denken, was man will, doch eines kann man ihnen in der Regel nicht vorwerfen: Dass sie den Untertanen nicht klar genug sagen, wo es lang ginge. Auch Joe Kaeser tut das nun: Ein Dreivierteljahr nachdem er den Vorstandsvorsitz beim Industriekonzern Siemens erklommen hat, hält er am heutigen Mittwoch seine erste große Ansprache ans Volk und wird den Konzernumbau erklären, den der Aufsichtsrat gestern Nacht in München beschlossen hat. Kaeser will das Unternehmen stärker auf Energietechnik und moderne Fabrikausstattung ausrichten. Zugleich wendet sich der Vorstandschef von den traditionsreichen Bereichen Medizintechnik und Schwerindustrie ab.

An 600 Unternehmensstandorten wird seine Rede per Liveschaltung übertragen. Und er wird einiges erklären müssen, denn viele fragen sich, mit welcher Strategie der einstige Schattenkönig das Unternehmen zu führen gedenkt.

Viele kennen Kaeser nur als nüchternen Zahlenmenschen und Ex-Finanzvorstand. Ein Machtmensch ist er auch: In Windeseile hatte er sich seit Amtsantritt dreier Vorstände entledigt, nun muss der vierte gehen, Energievorstand Michael Süß, den Ex-Vorstand Peter Löscher installierte. Zudem will Kaeser den Industriekonzern verschlanken und die Zahl der Sparten von 16 auf 9 reduzieren. Das muss er auch, unter seinen Vorgängern Kleinfeld und Löscher schlingerte das Riesenreich recht richtungslos dahin und ließ sich in Umsatz und Profitabilität deutlich vom größten Wettbewerber General Electric abhängen.

Der kommt mit weniger Mitarbeitern auf 50 Prozent mehr Umsatz und 100 Prozent mehr Gewinn. "Doch Siemens ist nicht GE", sagt Christian Stadler, Professor der Warwick Business School, der das Siemens-Reich mehrere Monate von innen erlebt und die Strategien der Ex-Vorstände analysiert hat: "Marktanteil und Profit sind nicht die einzigen Überlegungen. Wobei man sagen muss, dass GE auch Siemens ähnlicher wird und wieder stärker auf die Ingenieure setzt." Für ein breit diversifiziertes Unternehmen wie Siemens muss man größere Visionen haben als einzelne Zahlen. Hat Kaeser die?  

Viele Beobachter hoffen das und ernennen ihn schon hoffnungsvoll zum "Pierer 2.0". Der verstand es in den neunziger Jahren die Gesamtprozesse zu optimieren und handelte bedacht, unternehmerisch, ja fast staatsmännisch. Der Wunsch in der Belegschaft ist groß, dass es neun Jahre nach dem Abgang des Mannes, der bei vielen immer noch "Mr. Siemens" heißt, endlich wieder klare Verhältnisse gibt. Und einen Regenten, der das Riesenreich mit 360.000 Mitarbeitern wieder voranbringt. Das haben nämlich dessen Nachfolger bisher nicht vermocht. 

Die Strategie blieb lange vage

Weder Jungmanager Klaus Kleinfeld, der als Ziehsohn von Pierers zuvor noch Strategien für diesen entwickelt hatte und mit großen Zielen antrat. Er strauchelte schon nach gut zwei Jahren über die Korruptionsaffäre seiner Vorgänger und räumte das Feld. Noch gelang es Peter Löscher, dem bisher ersten und einzigen externen Vorstand, den sich Siemens je ins Haus holte. Der es aber 2013 wieder verließ, weil er nach zwei Gewinnwarnungen aus dem Amt geputscht wurde. Beide hatten auf ihre Weise versucht, den Konzern umzubauen.

Kleinfeld, der den Generationswechsel an der Spitze des behäbigen Industriekonzerns markieren sollte, versuchte es mit der "Konzentration auf Megatrends": Alterung, Klimawandel und Globalisierung – diesen Herausforderungen sollte Siemens künftig begegnen. Der Betriebswirt galt als Siemens-Eigengewächs, doch hatte er zuletzt als Chef des Amerika-Geschäfts den Ruf, vielmehr ein ehrgeiziger US-Manager zu sein. Er war der Sanierer, der renditeorientiert und ergebnisfixiert die Geschäftsbereiche durchforstete und zusah, wo er zusammenlegen und die Kosten runterprügeln konnte. 

In seiner Strategie blieb er vage, benutzte lieber Floskeln wie: "Wir wollen profitabel wachsen." Weswegen Kritiker aus dem eigenen Hause kommentierten: "Der kommt alle drei Monate mit einer neuen Idee." In Amerika war Kleinfeld erfolgreich. Ob er es ohne den Korruptionsskandal auch hierzulande gewesen wäre, lässt die Geschichte offen.