Dass sie zusammen ein Start-up gründen wollten, war Andrew Kortina und Iqram Magdon-Ismail schon lange klar. Jedes Wochenende trafen sich die ehemaligen Kommilitonen zum Brainstorming in Kortinas Heimatstadt New York. Dafür reiste Magdon-Ismail extra aus Philadelphia an. Einmal vergaß er sein Portemonnaie zu Hause. Das war die Initialzündung für Venmo. 

Weil Magdon-Ismail weder Geld noch Karten bei sich hatte, musste Kortina ihm aushelfen; Magdon-Ismail beglich seine Schulden danach per Scheck. Das ist in den USA üblich, aber es schien den beiden Freunden viel zu umständlich. "Wir machen alles mit unseren Telefonen" erinnert sich Kortina. Warum also nutzten er und seine Freunde noch keine App, um einander geliehenes Geld zurückzuzahlen? Die beiden begannen mit ihrer Arbeit an einer eigenen Bezahl-App: Venmo, zusammengesetzt aus dem lateinischen Verb "vendere" für verkaufen und "mo", kurz für mobil.

Das war 2009. Fünf Jahre später ist Venmo in den USA nicht nur zu einer der erfolgreichsten Bezahl-Apps geworden, sondern gar zu einem eigenen Begriff: "I'll venmo you", versprechen viele, vor allem junge Amerikaner heute, wenn sie sich bei Freunden Geld leihen: Ich zahl es Dir per Venmo zurück.

Wachstum wie bei Facebook

Offiziell wurde Venmo erst Anfang 2012 eingeführt. Heute wickelt das Unternehmen eigenen Angaben zufolge mehr als 1,5 Milliarden Dollar jährlich ab. Die App profitiert enorm vom Netzwerkeffekt. "Wir haben seit dem Massenerfolg von Facebook und Instagram keine Anwendung gesehen, die sich so rasant ausbreitet", schreibt der Marktforschungsdienst BI Intelligence.

Mobiles Bezahlen ist eines der bedeutendsten Themen des digitalen Zeitalters. In dem Geschäftsfeld tummeln sich zahlreiche Start-ups wie Square, aber auch etablierte Internetriesen wie Google (Google Wallet), Amazon (Amazon Local Register) und eBay (PayPal). Venmo stieß in eine Marktlücke, die andere zuvor noch nicht besetzt hatten: Die App wickelt ausschließlich Zahlungen zwischen Privatleuten ab. 

"Die Relevanz und das Potenzial sind riesig", sagt Scott Strawn, Chefanalyst beim Tech-Analysehaus IDC. Das haben auch die Wettbewerber erkannt: 2012 wurde Venmo für rund 26 Millionen Dollar vom Bezahldienst Braintree übernommen. Anschließend schluckte die eBay-Tochter PayPal Braintree. Venmo soll entscheidend dafür gewesen sein.

Unterwegs ohne Bargeld

Unter den sogenannten Millenials, also den geburtenstarken Jahrgängen zwischen 1980 und 2000, ist die App besonders beliebt. Laut Marktforschungsinstitut Nielsen macht die Generation der heute 18- bis 34-Jährigen mehr als die Hälfte der Nutzer aus. Sie sind mit Internet und Smartphones aufgewachsen; außerdem führen die jungen Amerikaner einen Lebensstil, für den Venmo wie gemacht ist: Sie gehen in Gruppen essen, bestellen in Bars eine Runde nach der anderen, und teilen sich Taxis. Bezahlt wird häufig mit nur einer Karte. Bargeld tragen viele gar nicht bei sich.

Per Venmo lassen sich nun jedoch mithilfe weniger Klicks auch Kleinstbeträge überweisen. Dafür wählt der Schuldner aus seinem Venmo-Netzwerk, per E-Mail-Adresse oder Telefonnummer, den Gläubiger aus, tippt den Betrag und einen Überweisungsgrund ein und drückt "senden". Umgekehrt funktioniert es auch mithilfe eines "Anfordern"-Buttons. Die andere Seite muss die Transaktion dann nur noch bestätigen. Kosten entstehen keine, solange die App, die auf iOS und Android verfügbar ist, direkt mit dem Bankkonto oder, anders als etwa bei PayPal oder Google Wallet, mit der Debitkarte verbunden ist. Bei Kreditkarten fällt eine Gebühr von 2,9 Prozent an.