Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer: die Diagnose des französischen Ökonomen Thomas Piketty trifft nicht nur auf Privatleute zu. Auch unter den Unternehmen, zumindest in den USA, ist das Vermögen sehr ungleich verteilt. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat nachgerechnet. In einem kürzlich veröffentlichten Papier berichten ihre Analysten, dass gerade die reichsten Konzerne ihre Finanzreserven stetig mehren.

In harten Zahlen: Nur 18 Konzerne, das ist das reichste Prozent jener Firmen, die von Standard & Poor's benotet werden, halten 535 Milliarden Dollar an Bargeld und kurzfristig angelegten Finanzmitteln – Vermögen also, über das sie im Zweifel schnell verfügen könnten. Die Summe entspricht 36 Prozent der Liquiditätsreserven aller 1.800 untersuchten Unternehmen. Damit ist der Vermögensanteil der Superreichen deutlich höher als noch vor ein paar Jahren.

20 Prozent der Unternehmen besitzen 89 Prozent des Barvermögens. Der große Rest der Firmen teilt sich das, was übrig bleibt.

Wer sind die Reichsten?

Banken und andere Finanzfirmen tauchen in der Statistik von Standard & Poor's nicht auf – sie wurden schlicht nicht untersucht. Es sind vor allem multinationale Tech-, Pharma- und Autoindustrieunternehmen, die in den vergangenen Jahren ungewöhnlich viel Geld angehäuft haben – weil sie im Ausland gute Geschäfte machen. Microsoft zum Beispiel, das den ersten Platz in der Rangliste belegt, gefolgt von Google, Cisco Systems, Apple, Oracle, Pfizer, Johnson & Johnson, General Motors und Ford. Ihre Gewinne parken sie größtenteils auf ausländischen Konten, obwohl sie dafür im Moment kaum Zinsen erhalten.

Den Grund dafür sehen die Analysten in den amerikanischen Steuergesetzen. Transferierten die Konzerne ihren Gewinn vom Ausland in die USA, müssten sie darauf Steuern zahlen – maximal 35 Prozent sind es, angeblich der höchste Unternehmenssteuersatz in einem Industrieland. Selbst wenn es kaum Ertrag bringt, das Geld auf Bankkonten zu lagern, und es in der US-Wirtschaft vermutlich weit rentablere Investitionsmöglichkeiten gäbe: Offenbar reichten die potenziellen Gewinne nicht, um das Steuerminus auszugleichen.

"Wir glauben, dass die meisten (der Unternehmen) es bevorzugen würden, ihre Barreserven nach Hause zu holen, hätten sie die Wahl", sagt Kreditanalyst Andrew Chang. "Aber weil die Bedingungen auf den Kreditmärkten gegenwärtig so vorteilhaft für die US-Unternehmen sind, fühlen sie keinen Druck, das zu tun."

Doch stattdessen nehmen die Konzerne lieber günstige Kredite auf, wenn sie zu Hause einmal Geld benötigen. Apple zum Beispiel. Fast 80 Prozent des liquiden Firmenvermögens lagert im Ausland. Eigentlich hätte Apple mehr als genug Reserven, um beispielsweise fällige Dividenden aus eigenen Mitteln zu bezahlen. Aber offenbar lohnt es sich für den Konzern mehr, dafür einen Kredit aufzunehmen. Im vergangenen Jahr gab Apple trotz voller Kassen Anleihen im Volumen von 17 Milliarden Dollar aus. Auch andere Firmen verschulden sich lieber, statt ihre Gewinne in den USA zu versteuern – die niedrigen Zinsen machen's rentabel.

Die neueste Strategie zur Steueroptimierung

Wieder andere Unternehmen kaufen im Ausland ein, um ihre volle Kasse doch noch halbwegs produktiv zu nutzen. Zum Beispiel Medtronic. Der Hersteller von Medizingeräten gehört zum reichsten Prozent der US-Konzerne und erwirbt gerade für 13 Milliarden Dollar den britischen Konkurrenten Covidien. Danach soll die gemeinsame Unternehmenszentrale nach Irland ziehen, um Steuern zu sparen.   

Es ist die neueste Strategie zur Steueroptimierung der amerikanischen Konzerne: Sie kaufen kleinere Wettbewerber, um dann den Hauptsitz des neuen Unternehmens ins Ausland zu verlegen. Andere ändern ihre Firmenadresse einfach so. Zum Beispiel Baumaschinenhersteller Caterpillar, der sein Ersatzteilgeschäft pro Forma in die Schweiz verlagerte und dadurch in zwölf Jahren rund 2,4 Milliarden Dollar sparte. Oder sie lassen ihr geistiges Eigentum im Ausland registrieren, so wie Starbucks in den Niederlanden, weil dann dort die Gewinne verbucht werden.

Auch Konzerne wie Apple und Google zahlen im Ausland nur wenige bis gar keine Steuern. Gerade die Technologiefirmen haben ausgefeilte Strategien entwickelt, um die Schlupflöcher zwischen unterschiedlichen internationalen Gesetzen zu nutzen und so Steuern zu sparen.