Jochen Bittner, 41, ist Politik-Redakteur der ZEIT.

Wenn die berühmte Bus- oder Bahnfahrt zum Flughafen statistisch deutlich gefährlicher ist als der Flug selbst – tragen dann Busfahrer und Lokführer nicht viel mehr Verantwortung für Menschenleben als Piloten? Aber warum werden sie dann so dramatisch schlechter bezahlt? Und: Ist es reiner Zufall, dass die Lokführer streiken, kurz nachdem Piloten auf die Idee gekommen sind?

Jaja, die unterschiedlichen Qualifikationen. Sie müssen eine Rolle bei der Entlohnung spielen, gewiss. Aber ehrlich gesagt, wenn ich mir dieses ganze Gestreike anschaue in letzter Zeit, die nachvollziehbaren Forderungen der Bahner, die überzogenen Ansprüche der Lufthanseaten, gelüstet es mich immer mehr nach einem radikalen Schritt – hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit und funktionaler Gewissheit.

Ich werde radikal nostalgisch. Ich will die Bundesbahn wiederhaben und Lufthansapiloten im Staatsdienst. Die Mützenträger sollen allesamt Beamte werden. Ihre Einkommensunterschiede gehören eingeebnet, dafür soll Mütterchen Bundesrepublik sie mit Absicherung und Fürsorge von solchen Ausmaßen pampern, dass sie sich schämen müssten, ihren privatwirtschaftlich beschäftigten Freunden davon zu erzählen. Mit dem Streikrecht hätte sich's dann natürlich. Und genau das gehörte sich so für die Verantwortungsträger in der kritischen Infrastruktur.

Leute wie ich dürfen streiken. Wenn ich nichts schreibe, lesen Sie auf dem Weg zur Arbeit eben was anderes, notfalls die Gesichter Ihrer Mitreisenden. Aber: Sie kämen zur Arbeit. Wenn Lokführer und Piloten streiken, dann bestreiken sie das ganze Land. Und Sie kommen nicht ins Lehrerzimmer, Schrauben kommen nicht ins Motorenwerk, Handelsreisende nicht zum Vertragsabschluss, Medikamente nicht ins Krankenhaus. Anders gesagt: Das Interesse der Allgemeinheit an einem funktionierenden Verkehrswesen überwiegt das Interesse einzelner auf Lohnerhöhungen in einem solchen Maße, dass ein Streik des befördernden Gewerbes per definitionem unverhältnismäßig ist.

Verbeamtung subito! Von mir aus können die Zugbegleiter dann auch wieder Schaffner heißen und hilfssheriffmäßig durch die Abteile grummeln. Hauptsache, sie verhalten sich loyal ihrem Auftrag gegenüber: dieses Land am Laufen zu halten. Ja, natürlich werden dann die Tickets teuer. Aber ich persönlich zahle lieber etwas mehr für einen Zug, der fährt, als etwas weniger für einen, der das nicht tut.

Ich weiß, das ist alles illusorisch. Aber man wird ja wohl noch mal gegen den Zeitgeist anträumen dürfen.