ZEIT ONLINE: Herr Satyarthi, der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat ein Bündnis gegen die Ausbeutung von Textilarbeitern durch deutsche Unternehmen im Ausland gegründet. Nur: Es ist ein freiwilliges Bündnis und nicht alle Firmen wollen mitmachen. Sie setzen sich seit Jahrzehnten für menschenwürdige Arbeitsbedingungen in Indien ein. Ist so eine Allianz ein richtiger Schritt?

Kailash Satyarthi: Ein Textilbündnis? Das ist eine gute Sache. Auch wenn ich zum ersten Mal davon höre. Aber egal was getan wird, um die Kleidung, die in Ländern wie Indien und Bangladesch produziert wird, vom Schmutz der Ausbeutung zu säubern, es ist mehr als willkommen.  

ZEIT ONLINE: Auch wenn die Mitarbeit an der Allianz auf freiwilliger Basis ist?

Satyarthi: Gerade deshalb. Freiwilligkeit zeugt von dem Willen, etwas zu tun, ohne gezwungen zu werden. Das ist am Ende mehr wert.

ZEIT ONLINE: Einige Firmen sagen, es sei nicht möglich, jeden Produktionsschritt zu überwachen, wie es Minister Müller zur Voraussetzung macht. Deshalb wollen sie nicht mitmachen. Eine Ausrede?

Satyarthi: Ja. Diese Argumente habe ich bei uns in Indien auch oft gehört. Natürlich ist es schwer, den Produktionsablauf zu kontrollieren, alles zu prüfen. Aber es ist möglich. Und, bei aller Demut vor der Arbeit Ihres Ministers, ich biete meine Hilfe an.

ZEIT ONLINE: Wie könnte die konkret aussehen?

Satyarthi: Das große Problem ist, bis an die Basis vorzudringen, also bis zu den Kindern und zu den anderen Arbeitern. Der Wille, etwas zu tun, ist das eine – aber dieser Wille muss auch in Taten umgesetzt werden. Das können nicht die Politiker tun oder die Firmen. Dazu braucht es Hilfe vor Ort. Von Menschen, die sich auskennen und wissen, wie die Strukturen sind oder wo Hilfe nötig ist.

ZEIT ONLINE: Also Menschen wie Sie?

Satyarthi: Unter anderem, denn ich arbeite seit drei Jahrzehnten dafür, dass kein Kind mehr wie ein Sklave gehalten wird und arbeiten muss. Aber auch die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft ist wichtig: Man muss die Haltung der Menschen zu diesen Arbeitsbedingungen ändern, um sie verbessern zu können.

ZEIT ONLINE: Was müsste so ein Bündnis Ihrer Meinung nach beinhalten, um nachhaltig zu sein?

Satyarthi: Es muss auf eine breite Basis gestellt werden. Also eine Partnerschaft verschiedener Akteure und Interessenvertreter. Es reicht nicht, nur innerhalb der Wirtschaft und der Industrie nach Unterstützern zu suchen. An einem solchen Bündnis muss sich die Zivilgesellschaft beteiligen, die Gemeinden, die Gewerkschaften und Lehrerverbände. Sie alle vertreten die Interessen von Kindern.

ZEIT ONLINE: Sie würden sich also auf die Kinder fokussieren?

Satyarthi: Ja. Kinderarbeit ist einer der Hauptgründe, warum diese Industrie nicht sauber ist. Natürlich ist auch die Sicherheit in den Fabriken wichtig, das wissen wir spätestens seit dem Einsturz des Rana-Plaza-Fabrikkomplexes in Bangladesch im April 2013. Ebenso die Frage nach giftigen Chemikalien, die verwendet werden. Aber wir sollten nicht die Realitäten der Kinder vergessen. Sie stehen am untersten Ende des Arbeitsprozesses.

ZEIT ONLINE: Macht es überhaupt Sinn, wenn Deutschland bei diesem Thema alleine vorprescht?

Satyarthi: Es braucht ein breites Bündnis, das nicht nur aus einem Land bestehen darf. Wenn Minister Müller die Initiative ergriffen hat, sollte er diese Allianz mit anderen Ländern in der EU und später auch mit den USA führen.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie in Indien von so einem Bündnis?

Satyarthi: Wir profitieren alleine schon deshalb, weil das Thema auf die Agenda kommt. Es beginnt doch immer mit dem Wissen über einen Missstand. Von dort aus kann Veränderung beginnen.

ZEIT ONLINE: Ist fair produzierte Kleidung überhaupt realistisch?

Satyarthi: Ja, da bin ich sicher. Das sehen wir bei Teppichen. Wir haben es geschafft, dass es ein Gütesiegel gibt, das Teppiche kennzeichnet, die ohne Kinderarbeit hergestellt worden sind. Das war nur der Anfang. Ende der neunziger Jahre gab es weltweit 270 Millionen Kinderarbeiter, heute sind es 168 Millionen. Immer noch viel zu viele, aber es sind schon deutlich weniger. Ich bin sicher, dass ich das Ende der Kinderarbeit noch erlebe.

ZEIT ONLINE: Wann wird es so weit sein?

Satyarthi: Ich bin jetzt 60 Jahre alt, lebe strikt vegetarisch, rauche und trinke nicht. Ich schätze, wir haben noch ein paar Jahre.