Wie reagiert ein Flugkapitän auf eine solche Katastrophe, wie ein Copilot, eine Flugbegleiterin? Mit Angst, mit Korpsgeist? Bei Germanwings jedenfalls geschah am Dienstag etwas, was bisher nach Flugzeugunglücken nicht zu beobachten war: Dutzende Crews meldeten sich flugunfähig. Am Ende fielen 56 Flüge aus. Dass am Donnerstag nur ein Flug abgesagt werden musste, ist der Hilfe anderer Airlines zu verdanken. Wären Lufthansa, TUI Fly und Air Berlin nicht eingesprungen, wären vermutlich auch an diesem Tag mehr Maschinen am Boden geblieben.

Es ist nur allzu menschlich, erschrocken zu sein angesichts der Katastrophe. Die Firmenleitung nahm alle Mitarbeiter, die nicht fliegen wollten, sogleich in Schutz. Dennoch fragt man sich: Was hielt die Crewmitglieder eigentlich zurück?

Mitarbeiter von Germanwings wollen dazu nichts sagen. Doch wer sich unter Piloten anderer Airlines umhört, bekommt immer die gleiche Antwort: Angst vor mangelnder Sicherheit der Maschinen kann es nicht gewesen sein. "Dafür ist die Sicherheitskultur in allen großen deutschen Fluggesellschaften viel zu ausgeprägt", sagt ein Pilot, der nicht beim Namen genannt werden möchte. Jede Reparatur werde minutiös dokumentiert, viele Ereignisse wie beispielsweise ein Vogelschlag müssten routinemäßig gemeldet werden. Außerdem sei es völlig normal, Fehler und Missstände sofort zu berichten. Dafür gebe es viele, auch anonyme Möglichkeiten. "Das geht so weit, dass in den Crewräumen frankierte Briefumschläge liegen, adressiert an die Privatadressen der Safety-Beauftragten." Eher als Angst um die Sicherheit sei also die gegenteilige Haltung wahrscheinlich: "Ich muss jetzt niemandem beweisen, dass Fliegen besonders sicher ist."

Viel wichtiger sei die Struktur des Unternehmens Germanwings. "Fluggesellschaften dieser Größe sind ein bisschen wie Familien", sagt der Pilot. "Die Leute begegnen sich ständig, jeder kennt jeden, weil die Crews ständig neu zusammengesetzt werden. Außerdem verbringen wir viel Freizeit miteinander, nämlich immer dann, wenn wir an einem Zielort auf den Rückflug warten." Die Nachricht vom Absturz sei deshalb wohl für alle Mitarbeiter ein großer Schock gewesen. "Da überwiegt jetzt die Trauer den Korpsgeist, der zum Weitermachen anhält."

Ähnlich schätzt auch Nicoley Baublies die Lage ein. Er ist Vorstandsvorsitzender der Gewerkschaft Ufo, die das Kabinenpersonal vertritt. "Bei Germanwings geht es sehr familiär zu, jeder kennt jeden." Die Zahl der Mitarbeiter sei erst im vergangenen Jahr durch den Umbau des Unternehmens stark gestiegen. "Da werden noch viele Mitarbeiter jemanden kennen, der in der abgestürzten Maschine arbeitete." Baublies sagt aber auch, dass sich die Reaktion des Cockpitpersonals von dem in der Kabine unterscheidet. "Es haben sich genauso Piloten wie Flugbegleiter abgemeldet. Aber natürlich reagiert das Kabinenpersonal emotionaler, weil es nicht die gleiche technische Ausbildung wie das Cockpit-Personal hat."

Hinzu komme, dass gerade dieser Absturz vielen Mitarbeitern zu denken gebe. "Fast jeder von uns fliegt den A320. Jeder kann sich vorstellen, wie es sich anfühlt, in einen acht Minuten dauernden Sinkflug zu gehen. Es gibt klare Prozeduren, was dann zu tun ist. Irgendetwas ist aber schief gegangen und jeder fragt sich natürlich, was. Das kommt einem schon sehr nahe."

Nach dem Schock rücken die Mitarbeiter von Germanwings nun noch enger zusammen. An allen Stationierungsorten kamen Mitarbeiter in Uniform, legten Blumen nieder oder hielten Trauerwachen. Auch viele Kollegen der Lufthansa und von TUI Fly hätten sich freiwillig gemeldet, um bei Germanwings auszuhelfen, sagt Baublies. Die Haltung sei: "Das stehen wir jetzt zusammen durch."