ZEIT ONLINE: Herr Fürweger, am Freitagmorgen schien es noch so, als wäre Martin Winterkorn die längste Zeit der Chef von Volkswagen gewesen. Am Ende ist das Gegenteil eingetreten: Sein Vertrag wird vielleicht sogar verlängert. Hat Sie die Entscheidung überrascht?

Wolfgang Fürweger: Ich war schon überrascht. Ferdinand Piëch zieht normalerweise nicht in den Krieg, um dann einen Rückzieher zu machen. Winterkorns Zeit bei VW schien nach Piëchs Äußerung begrenzt zu sein. Aber offenbar hat er es geschafft, den Patriarchen von seiner Eignung für den Vorstandsposten zu überzeugen.

ZEIT ONLINE: Piëch hatte sich mit seiner Distanzierung von Winterkorn weit aus dem Fenster gelehnt, aus dem Aufsichtsrat war im Vorfeld schon Widerspruch zu hören. Wie sehr hat die Entscheidung pro Winterkorn dem Patriarchen geschadet?

Fürweger: Es ist kein Erfolg für Piëch, klar. Aber Piëch kommt es nicht darauf an, wie er in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Ihm geht es um das Wohl des Konzerns.

ZEIT ONLINE: In Ihrer Biografie schreiben Sie über Ferdinand Piëch: "Leichen pflastern seinen Weg." Er hat in seiner Zeit als VW-Chef und dann als oberster Aufseher mehr als einen Topmanager rausgeworfen.

Fürweger: Piëch hat immer schon durch Respekt und Unnahbarkeit geführt. Und Winterkorn wäre die nächste Leiche auf seinem Weg gewesen. Aber er hat sich nicht einschüchtern lassen, dazu kennt er den Patriarchen zu gut.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet Winterkorns Verbleib für den Einfluss von Piëch?

Fürweger: Es wäre verfrüht, von einem Machtverfall zu sprechen. Ferdinand Piëch hat in Wolfsburg nach wie vor großen Einfluss. Er schöpfte seine Autorität aus seiner großen Erfahrung und den Leistungen, die er für VW erbracht hat, nicht aus seiner Position als Eigentümer. Er hat den Konzern über Jahrzehnte geprägt und ist immer noch Mister Volkswagen. Ich würde davor warnen, "den Alten" jetzt schon abzuschreiben.

ZEIT ONLINE: Sein Ruf als Alleinentscheider scheint aber zumindest angekratzt. Die zeitweise Demontage Winterkorns gelang Piëch zwar mit nur einem Satz. Am Ende sitzt der aber nach wie vor fest im Sattel.

Fürweger: Wer sagt, dass sein Plan nicht doch aufgegangen ist? Die Äußerung, er sei auf Distanz, war ganz klar kalkuliert. Er sagt nichts, ohne jedes Wort fünfmal umgedreht zu haben. Aber vielleicht war sein Ziel nicht unbedingt Winterkorns Rauswurf.