Mit sechs Worten hat Ferdinand Piëch den Volkswagen-Konzern aufgescheucht: "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn", sagte der VW-Aufsichtsratschef Spiegel Online über den seit 2007 amtierenden Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn. Und nun rätselt die Autowelt darüber, was Piëch getrieben hat, gerade jetzt öffentlich mit Winterkorn zu brechen – just drei Wochen vor der nächsten VW-Hauptversammlung.

Lange galten Piëch und Winterkorn als enges Team. Piëch selbst hatte Winterkorn Anfang der 1980er Jahre zu Audi, also in den VW-Konzern, geholt. Winterkorn galt als Piëchs Ziehsohn. Bisher stand so gut wie fest, dass Winterkorn Piëch im Aufsichtsrat ablösen würde, wenn sich dieser aus dem Gremium zurückzieht. Piëch ist 77 Jahre alt, Winterkorn zehn Jahre jünger. Dessen Vertrag als Vorstandschef – der bestbezahlte Vorstand unter den Dax-Konzernen – läuft bis Ende 2016. Hinter den Kulissen galt eigentlich schon als abgemacht, den Vertrag bis 2018 zu verlängern.

Doch schon seit einiger Zeit hat sich Piëch kritisch zu den Problemen geäußert, mit denen VW zu kämpfen hat. Im März 2014 etwa antwortete der mächtige Aufsichtsratschef auf die Frage eines Journalisten, ob er VW auf einem guten Weg sehe, mit einem "Nicht wirklich". Jetzt scheint er die Geduld mit Winterkorn verloren zu haben.

Amerikaner verschmähen VW

Mit seiner Abkehr steht Piëch im Moment allerdings allein im Aufsichtsrat da. Das heißt: neuer Zwist unter den Eignerfamilien. Wolfgang Porsche, Piëchs Cousin und ebenfalls Aufsichtsratsmitglied bei Volkswagen, hat sich bereits öffentlich mit Winterkorn solidarisiert. Auch die Arbeitnehmervertreter im Kontrollgremium stehen auf Winterkorns Seite, ebenso das Land Niedersachsen, das zwei Aufsichtsratsposten besetzt. "Ich bin unangenehm überrascht über die zitierten Aussagen von Herrn Professor Piëch", sagte der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil. Der SPD-Politiker sieht "keinerlei Handlungsbedarf". Weils Position ist entscheidend: Selbst wenn sich die Piëchs und Porsches im Aufsichtsrat einigen: Eine eigene Mehrheit haben sie nicht.

Klar ist: Es gibt im VW-Konzern große Baustellen. Vor allem auf dem nordamerikanischen Markt hat die Kernmarke seit Langem enorme Probleme. Die jüngsten US-Absatzzahlen vom März zeigen zwar, dass Audi und Porsche – auf einem insgesamt stagnierenden Markt – ihren Absatz deutlich steigern konnten. Die Verkaufszahlen von VW aber fielen zum Vorjahresmonat um 18 Prozent. Von den Modellen Jetta und Passat setzte Volkswagen of America sogar jeweils über 25 Prozent weniger ab als noch im März 2014.

Schon im vergangenen Jahr nannte Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh das US-Geschäft eine "Katastrophenveranstaltung". Das teure, 2011 eröffnete Werk in Chattanooga/Tennessee, wo derzeit nur die US-Version des Passat vom Band läuft, ist nicht ausgelastet. Ein nur für die USA entwickelter SUV wird erst ab 2016 dort gebaut.