Rette sich, wer kann – Seite 1

Der Mann im Zentrum des Skandals ist Volkswirt. Zwar liegt seine Diplomprüfung an der Universität Lausanne schon Jahrzehnte zurück. Doch wie ein Markt grundsätzlich funktioniert und wie seine Teilnehmer reagieren, wenn Zweifel am Geschäft aufkommen oder sogar Panik ausbricht, das weiß er. Joseph Blatter erfährt es gerade am eigenen Leib.

In höchster Not versucht sich gerade ein Sponsor nach dem anderen von Blatter und seiner Fifa zu distanzieren. Der Weltfußballverband wird kurz vor der geplanten Wiederwahl des Fußball-Patriarchen endgültig von den seit Langem kursierenden Korruptionsvorwürfen eingeholt. "Das ist wie bei einer Spekulationskrise", sagt Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) und wie Blatter Volkswirt. "Man muss sofort verkaufen, sonst ist die Dynamik nicht mehr zu halten."

Im Falle der Fifa sieht es am Tag zwei nach den spektakulären Festnahmen etlicher Spitzenfunktionäre wegen Korruptionsverdachts so aus: Topsponsor Visa erklärte, er sei zutiefst enttäuscht. Sollte die Fifa die Vorwürfe nicht umgehend intern angehen, werde der Finanzkonzern die Sponsorenbeziehungen "neu bewerten". Bei adidas heißt es auf Anfrage: "Wie wir in der Vergangenheit schon mehrfach betont haben, sind diese fortwährenden negativen Schlagzeilen weder gut für den Fußball, noch für die Fifa oder ihre Sponsoren."

"Alles bricht zusammen"

Die Devise lautet: Rette sich, wer kann. "Jetzt, wo das Ausmaß der Korruption bekannt wird, bricht alles zusammen", sagt Sportökonom Vöpel. "Jeder will der erste sein, der den Reputationsschaden für sich vermeidet." Ein ehemaliger Sponsor, der nicht genannt werden möchte, sagt: "Natürlich ist es jetzt einfacher, kein Sponsor mehr zu sein."

Neben den Ermittlungsbehörden und den TV-Anstalten sind es die Fifa-Sponsoren – allen voran die ständigen Werbepartner wie adidas und Visa – die das Machtsystem Blatter zu Fall bringen können. Denn den Konzernen verdankt die Fifa ihren Reichtum und damit die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Das Sponsoring ist den Unternehmen viel Geld wert. Fast 120 Millionen Euro soll eine dieser Sponsoring-Partnerschaften bei der Weltmeisterschaft 2014 nach Recherchen des Wall Street Journal Deutschland im Durchschnitt gekostet haben. So etwas rechnet sich: Sportkonzerne machen schnell mehrere Milliarden Euro Umsatz – nur mit ihren Fußball-Produkten wie Trikots und Bällen.

Das System funktionierte, solange der Imagegewinn höher war als der Negativeffekt, der durch die wabernden Korruptionsvorwürfe auch die Sponsoren touchierte. Die Konzerne hätten kein Interesse, die Probleme zu benennen, weil dadurch der Wert des Sponsorings herabgesetzt werde, sagt Sportökonom Vöpel. Er verweist auf die langen Laufzeiten der Verträge; adidas hat seine seit 1970 andauernde Partnerschaft kürzlich bis 2030 verlängert. Dadurch hat sich für Vöpel ein "Interessenskartell" gebildet. Die Sponsoren seien zu strategischen Partnern geworden, was so viel bedeutet wie: Man hat gemeinsame Interessen, die es zu schützen gilt. "Viele Kräfte wirken mit, um das Kartell am Leben zu erhalten", sagt Vöpel.

"Point of no return"

Wenn nun allerdings Korruptionsvorwürfe über die Jahre auch intern immer lauter werden, sind diese Partner dem Ökonomen zufolge irgendwann an einem "point of no return" angelangt. Sprich: Die Beteiligten wissen, dass ihnen das System um die Ohren fliegt, wenn das Ausmaß der Korruption an die Öffentlichkeit gelangt. Deshalb einige man sich stillschweigend oder explizit darauf, zu schweigen, so Vöpel. Wie es sich im Falle der Fifa zugetragen hat, ist derzeit noch nicht bekannt. Auf Anfrage verwies Visa lediglich auf eine vorformulierte Erklärung. Darin wird die Fifa aufgefordert, eine Kultur mit hohen ethischen Standards aufzubauen, um das Ansehen der Fußballmeisterschaften wiederherzustellen. Auch adidas äußerte sich nicht explizit zu den Vorwürfen, sondern erklärte lediglich: "Die adidas Group verfolgt höchste Standards, was ethisches Verhalten und Compliance angeht. Wir erwarten dieses Verhalten auch von unseren Partnern."

Sponsoren in der Dilemmafalle

Der Schweizer Antikorruptionsexperte Mark Pieth geht davon aus, dass den Sponsoren die Problematik bewusst ist. Die Fifa sei aber "zu groß und zu wichtig", sagte Pieth dem Berliner Tagesspiegel. "Bei einzelnen Personen, bei einem Dopingfall im Sport zum Beispiel, reagieren die Sponsoren sofort. Doch diese Sanktionierung durch Sponsoren findet bei der Fifa nicht statt." Die Sponsoren machten nicht wirklich Druck.

Manche Partner haben jedoch längst das Weite gesucht. Ende 2014 verabschiedeten sich bei der Fifa mit der Fluglinie Emirates und Sony wichtige Sponsoren. Anfang 2015 zogen andere nach: Die zur BP-Gruppe gehörende Marke Castrol, der Reifenhersteller Continental und der Pharma- und Konsumgüterriese Johnson & Johnson verlängerten ihre Sponsoringverträge nicht.

Die britische Zeitung Daily Telegraph berichtete damals, sie hätten sich auch aufgrund der Korruptionsvorwürfe gegen die Fifa für den Schritt entschieden – was allerdings vom Marketing-Chef der Fifa dementiert wurde. Der frühere Sponsor Castrol gibt sich auf Anfrage wortkarg. Die Entscheidung habe nichts mit den Korruptionsvorwürfen zu tun gehabt, sagt Deutschland-Sprecher Karsten Jaeger. Die Trennung sei das Ergebnis einer "strategischen Neubetrachtung" des Sponsorings gewesen. Die Summe, für die Castrol als Gegenleistung in und vor WM-Stadien werben durfte, will er nicht nennen.

Das Dilemma der Sponsoren zeigte sich exemplarisch während der Dopingskandale bei der Tour de France. Die ARD drohte den Veranstaltern damals, die Unterstützung bei einem weiteren Dopingfall zurückzuziehen. Der Sportverband reagierte überaus rational – und tat alles, das Auffliegen eines weiteren korrupten Radstars zu verhindern. Für den Ökonom Vöpel ist der Fall klar: "Die Anreizstrukturen sind extrem negativ."