Die Welt schießt deutsch – so war es lange Zeit. Die Firmen Heckler & Koch, Sig Sauer und Carl Walther belieferten rund um den Globus die Armeen mit Sturm- und Maschinengewehren und mit Pistolen. Doch mit der Vorreiterrolle von Kleinwaffen made in Germany scheint es vorbei zu sein.

Heckler & Koch ist schwer angeschlagen, nicht nur der Ruf der Firma und eines wichtigen Produkts. Das Unternehmen wird vom Bundesverteidigungsministerium scharf kritisiert: Ministerin Ursula von der Leyen sprach dem Sturmgewehr G36 zunächst die Qualität ab – und dann die Zukunft in der Bundeswehr. Generalinspekteur Volker Wieker schrieb in einer Weisung an seine Untergebenen von "Präzisionseinschränkungen des G36". Diese seien "bei schussinduzierter Erwärmung und durch Änderungen der klimatischen Umweltbedingungen aufgetreten". Die Waffe macht demnach nach Dauerfeuer und bei Gefechten in starker Hitze wie etwa in Afghanistan große Probleme: Sie trifft nicht mehr richtig.

Die heftig in die Kritik geratene Firma reagierte prompt: "Wir sind erschüttert über die in den vergangenen Tagen vom Bundesministerium der Verteidigung getätigten Aussagen zum Gewehr G36", stellte Heckler & Koch fest. Das Unternehmen zweifelt die Tests der Wehrtechnischen Dienststellen der Bundeswehr an – und die Kompetenz von einzelnen Experten aus der Truppe. Es deuteten viele Indizien darauf hin, "dass die für unser Produkt relevanten Parameter fortlaufend willkürlich geändert wurden, um die Diskussion rund um das Gewehr G36 fortführen zu können".

Das Unternehmen aus Oberndorf am Schwarzwaldrand kritisierte "weitreichende Folgen für unsere technische Reputation" durch die Äußerungen aus dem Verteidigungsministerium. Die Sorge um die wirtschaftliche Zukunft ging offenbar so weit, dass Heckler & Koch gegen kritische Journalisten vorgehen wollte: Wie Stern, Spiegel Online und Süddeutsche Zeitung berichten, forderte das Unternehmen in einem als "vertraulich" eingestuften Dokument vom Bundesverteidigungsministerium, dass der Militärische Abschirmdienst (MAD) nach möglichen Whistleblowern suchen und gegen negative Medienberichte vorgehen solle. Der MAD sah sich aber nicht zuständig. Heckler & Koch dementierte inzwischen die Berichte über die Bitte an den MAD. 

Für Heckler & Koch birgt die Qualitätsdebatte um das Sturmgewehr ein doppeltes Problem: Nicht nur der wichtigste Kunde, die deutschen Streitkräfte, wendet sich öffentlich vom Unternehmen ab. Auch bedeutende Abnehmer im Ausland dürften den heftigen Streit zwischen Verteidigungsministerium und dem Unternehmen mit Argusaugen verfolgen.

Das kommt zu Problemen, unter denen auch andere Waffenproduzenten leiden, hinzu. Im kühlen Norden des Globus, wo es nie Negativberichte über das G36 gab, wird bei den Verteidigungshaushalten gespart: Die Nato-Mitglieder geben weniger Geld für ihre Rüstung aus. Im Süden hingegen, in heißen Regionen wie auf der arabischen Halbinsel, im Maghreb und in Südamerika, investieren aufstrebende Schwellenländer große Summen in neue Waffensysteme. Ob das G36 in Standardausführung dort nun noch gekauft wird, scheint fraglich.

Als wichtiger Kunde fällt Saudi-Arabien bereits für Heckler & Koch aus, allerdings aus politischen Gründen. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), zuständig für Ausfuhrgenehmigungen, legt die "Politischen Grundsätze" für Rüstungsexporte strenger aus als die schwarz-gelbe Vorgängerregierung. Die Saudis beschwerten sich beim jüngsten Besuch Gabriels in Riad, dass ihre G36-Fabrik keinen Nachschub aus Deutschland erhalte. Heckler & Koch hat in Saudi-Arabien beim Aufbau einer Gewehrfertigung in Lizenz geholfen und stets Teile dazu geliefert. Dieses Geschäft scheint nun ebenso ausgesetzt zu sein wie der Verkauf von Kleinwaffen an das Königreich am Golf.

Und auch nach Mexiko darf Heckler & Koch seit Jahren nicht mehr liefern. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt gegen das Unternehmen wegen Verstößen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Solange sind Ausfuhren in das Land für die baden-württembergische Firma ausgesetzt: "Dem Unternehmen ist im Sommer 2010 nach Bekanntwerden des Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen des Verdachts illegaler Ausfuhren nach Mexiko informell mitgeteilt worden, dass Ausfuhrgenehmigungsanträge für Mexiko solange keine Aussicht auf Genehmigungserteilung haben, wie das betreffende Ermittlungsverfahren nicht abgeschlossen ist", teilt die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage des Linken-Politikers Jan van Aken mit.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen noch. Ein Termin für eine mögliche Anklageerhebung steht nicht fest. Jüngst protestierten Rüstungsgegner um Jürgen Grässlin, Sprecher mehrerer Kampagnen, in Stuttgart gegen die langsame Aufklärung des Falls. Grässlin bezeichnet Heckler & Koch stets als das "tödlichste Unternehmen Europas". Seit Jahren prangert er die Exporte der Firma an – so schlecht wie heute stand sein Gegner wohl noch nie da. "Die Qualitätsprobleme von Heckler & Koch dürften zum Sargnagel für das Unternehmen werden", prophezeit Grässlin.

Ausfuhren nach Kolumbien und Kasachstan?

Auf Fragen von ZEIT ONLINE zu der Diskussion um das G36 und mögliche Folgen für das Unternehmen antwortet Heckler & Koch nicht. Im Jahr 2013 sanken die Umsatzerlöse von 203 Millionen Euro im Vorjahr bereits auf 172 Millionen Euro. Heckler & Koch hat 2011 eine Unternehmensanleihe über 295 Millionen Euro gezeichnet, die noch drei Jahre lang läuft. Die Ratingagentur Moody's bewertete das Unternehmen im September 2014 mit Caa3 – einem Wert, der geringes Vertrauen in die Kreditwürdigkeit ausdrückt. Das Unternehmen beteuert jedoch immer wieder, keine Finanzprobleme zu haben.

Große Sorgen dürften wohl auch die Verantwortlichen des Schusswaffenherstellers Sig Sauer haben. Die Firma mit Sitz im schleswig-holsteinischen Eckernförde kann derzeit keine Ausfuhren tätigen. Dabei sind Exporte für Sig Sauer wirtschaftlich von großer Bedeutung – und auch für das Selbstverständnis als international tätiges Unternehmen: "Zahlreiche Entscheider führender Polizei-, Militär- und Elite-Einheiten wissen, dass sie mit SIGSAUER eine solide Wahl treffen. Über fünfhundert staatliche Einheiten, verteilt auf allen Kontinenten, führen unsere Waffen", wirbt die Firma für sich und ihre Produkte.

Doch auf Exporte muss die Firma momentan verzichten. Grund dafür sind Untersuchungen des Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa). Dabei gehe es um "eine Überprüfung der Zuverlässigkeit des Ausfuhrverantwortlichen", teilt die Bundesregierung mit. Im Rahmen dieses Prüfverfahrens seien Entscheidungen über Ausfuhrgenehmigungen ausgesetzt. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft Kiel gegen die Firma wegen möglicher Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz bei Ausfuhren nach Kolumbien und Kasachstan.

Die Muttergesellschaft weist die Vorwürfe im aktuellen Geschäftsbericht zurück: "Nach unserer Auffassung haben wir gegen exportrechtliche Vorschriften nicht verstoßen, sodass diese Vorwürfe jeglicher Grundlage entbehren." Eine restriktive Vorgehensweise der Behörden könne "hinsichtlich der Ausfuhrgenehmigungen" sich "erheblich auf die Lage der SIG SAUER GmbH & Co. KG auswirken". Im Gegensatz zu Heckler & Koch haben die Norddeutschen nicht die Bundeswehr als starken nationalen Kunden.

Der NDR berichtete bereits über einen massiven Stellenabbau in Eckernförde. Die Mitarbeiterzahl solle von 134 auf 49 sinken. Sig Sauer werde sich künftig vor allem auf Sportwaffen und das US-Geschäft konzentrieren. Auf Fragen von ZEIT ONLINE reagierte die Firma nicht.

Ermittlungen auch gegen Carl Walther

Auch gegen Carl Walther aus Ulm, einem weiteren bedeutenden Kleinwaffen-Produzenten, ermitteln Staatsanwälte. Dabei geht es ebenfalls um möglicherweise illegale Exporte nach Kolumbien. Die deutschen Behörden haben den Schusswaffenproduzenten zwar, anders als Sig Sauer, nicht mit Exporteinschränkungen belegt. Sie schauen jetzt aber genauer hin: "Angesichts der bekannt gewordenen Vorwürfe gegen das Unternehmen prüft das BAFA Ausfuhranträge des Unternehmens mit besonderer Vorsicht", teilt die Bundesregierung mit. "Dies gilt insbesondere für die Angaben zum Endverbleib."

Für 2013 meldete die Firma zuletzt ein Umsatzplus von knapp 45 Prozent, vor allem durch Verkäufe in die USA. Als größte Risiken sieht Carl Walther "mögliche restriktivere Waffengesetze und, je nach politischer Lage, eine ebenfalls restriktivere Ausfuhrpolitik der Bundesregierung".

Sollte die Staatsanwaltschaft demnächst Anklage gegen Mitarbeiter von Carl Walther oder Tochterfirmen erheben und diese am Ende auch verurteilt werden, dürften die Behörden die Zuverlässigkeit des Unternehmens neu bewerten. Die Bundesregierung kündigte bereits an, dann möglicherweise auf politischer Ebene über die Genehmigung weiterer Waffenexporte zu entscheiden. Und die politische Ebene scheint derzeit nicht besonders wohlwollend auf die deutschen Kleinwaffenproduzenten zu schauen.