Anshu Jain ist weg, aber die Probleme der Deutschen Bank sind es noch lange nicht. Der Investmentbanker habe als Co-Chef seinen Platz räumen müssen, weil die Bank unter seiner Führung von einem Skandal in den nächsten geraten sei, so wird nun gerne berichtet. Die 2,5 Milliarden Dollar Strafe für die Libor-Manipulation habe schließlich das Fass zum Überlaufen gebracht.

Die Skandale und Strafzahlungen – die Libor-Zahlung wird nicht die letzte bleiben – sind ohne Zweifel schlecht für das Image der Bank. Und kein Aktionär will sein Unternehmen dauernd in den Schlagzeilen sehen. Aber sie sind nicht die Ursache der Unzufriedenheit der großen Aktionäre. Schließlich sind das in der Mehrheit internationale Investoren, darunter als größte Einzelaktionäre der New Yorker Vermögensverwalter BlackRock und der Investmentfonds des Emirs von Katar, die diese Vorgänge zwar nicht gutheißen, aber denen es letztlich nur auf steigende Rendite und steigende Aktienkurse ankommt.

Gescheitert ist Jain letztlich daran, dass die Deutsche Bank bis heute nicht weiß, was sie sein will. Oder sein kann. Man kann auch sagen, der Investmentbanker Jain scheiterte an dem unterentwickelten Finanzmarkt Deutschland.

Noch vor nicht allzu langer Zeit war die Bank der Kern der Deutschland AG, in der Mitte eines Beteiligungsgeflechts deutscher Industriekonzerne. Doch die Struktur war zunehmend politisch unerwünscht, und die Frankfurter Banker lockte zudem der amerikanische Kapitalmarkt. Mit dem neun Milliarden Dollar teuren Zukauf von Bankers Trust 1999 wollte Rolf Ernst Breuer den Frankfurtern einen Platz am Spieltisch der Wall Street verschaffen.

Deutschland setzt aufs Hausbankensystem

Bankers Trust war zu haben, weil die Bank von einem Derivateskandal geschwächt war. (Bis heute führen Wall-Street-Veteranen die Tatsache, dass die Deutsche Bank an so vielen Skandalen beteiligt ist, auf Bankers Trust zurück. "Das ist in der DNA bis heute drin", lästert ein Insider.) Doch die Deutsche Bank erkämpfte sich einen Platz in den Ranglisten der US-Investmentbanken.

Das war nicht zuletzt der Erfolg von Anshu Jain, der seine Karriere nicht in London begann, sondern in New York. Seine Vision sei ein "Goldman Sachs Europas" gewesen, wie es die Financial Times formulierte. Die Deutsche Bank würde nicht mehr, wie in der ursprünglichen Deutschland AG, über Beteiligungen die deutschen Konzerne an sich binden, sondern durch Geschäftsverbindungen. Jain sah die Chance, als Investmentbank an der Seite der deutschen Exporteure zu profitieren.

Doch der Markt für Investmentbanking in Deutschland hält sich in Grenzen. Nach wie vor basiert der deutsche Kapitalmarkt auf dem Hausbankensystem. Die Unternehmen finanzieren sich – anders als etwa in den USA – kaum direkt am Kapitalmarkt, sondern über ihre Bank. Die Börse spielt bei der Finanzierung von jungen Unternehmen kaum eine Rolle. Es gibt zwar inzwischen mehr Unternehmen, die Industrieanleihen ausgeben statt Bankkredite aufzunehmen. Aber das Volumen ist im Vergleich zum amerikanischen Markt, wo die Rivalen der Deutschen Bank zu Hause sind, gering.

So ist die deutsche Wirtschaft in weiten Teilen abhängiger von den Banken als etwa die Wirtschaft in den USA, wo sich die Unternehmen direkt an den Kapitalmarkt wenden. Das trifft vor allem auf den für Deutschlands Arbeitsmarkt so wichtigen Mittelstand zu. Die deutschen Großkonzerne dagegen bewegen sich längst an den Kapitalmärkten in New York und London.