Bei den Protesten tausender Bauern in Brüssel ist es zu Zusammenstößen mit der Polizei gekommen. Landwirte warfen am Nachmittag Flaschen, Pflastersteine und Feuerwerkskörper auf die Polizisten, berichtete die belgische Nachrichtenagentur Belga. Die Einsatzkräfte setzten daraufhin Tränengas ein. Löschfahrzeuge waren im Einsatz, um brennende Heuhaufen zu löschen.

Seit dem Morgen protestierten etwa 6.000 Bauern im EU-Viertel. Sie forderten nach dem Verfall der Milchpreise Unterstützung von der EU. Viele fuhren hupend auf Traktoren durch das Europaviertel und forderten die Landwirtschaftsminister der Union auf, gegen die fallenden Preise für Milch und Schweinefleisch vorzugehen. Auf Transparenten war zu lesen: "Eure Politik vernichtet die Milchbauern!", "Bauern brauchen einen fairen Preis – 40 Cent pro Liter Milch" und "Der Milchmarkt brennt, die Politik pennt!". Deutsche Milchbauern forderten auch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) zum Handeln auf: "Christian, wo bist Du?", fragte ein Demonstrant auf seinem Plakat.

Am Nachmittag hatten die EU-Agrarminister auf ihrem Treffen in Brüssel ein Hilfsprogramm im Wert von einer halben Milliarde Euro für die Branche angekündigt. "Dieses Paket wird es erlauben, sofort 500 Millionen Euro an EU-Geldern zugunsten der Landwirte zu verwenden", sagte EU-Vizekommissionschef Jyrki Katainen. Zur gleichen Zeit beriet die Kommission mit den EU-Agrarministern über Maßnahmen gegen die gesunkenen Erzeugerpreise für Milch und andere Agrarprodukte.

Das Paket setze an drei Punkten an: finanziellen Engpässen von Bauern, einer Stabilisierung der Märkte und der Lieferkette. Die EU-Regierungen sollen der Erklärung zufolge Spielraum haben, wie genau sie das Geld einsetzen. Laut EU-Diplomaten stammt die Summe aus der Abgabe, die Milchbauern zahlen mussten, wenn sie die bis zum Frühjahr geltende Milchquote überschritten hatten. Das Geld sei daher im EU-Haushalt und könne ohne Extrazustimmung der EU-Staaten eingesetzt werden.

Bundesminister Schmidt will Überschüsse exportieren

Agrarminister Christian Schmidt hatte vor dem Treffen gefordert, in Not geratenen Landwirtschaftsbetrieben kurzfristig EU-Gelder zur Verfügung zu stellen. Mittelfristig wollte Schmidt den übersättigten europäischen Markt durch eine Export-Offensive der EU-Kommission entlasten und Anreize zur privaten Einlagerung von Milchprodukten, etwa durch Molkereien, schaffen. Damit schloss sich der Minister den Forderungen des Deutschen Bauernverbandes an.

Konkrete staatliche Maßnahmen zum Abbau der Überproduktion von Milchprodukten erwähnte Schmidt nicht. Einer Wiedereinführung der im März abgeschafften Milchquote stehe er skeptisch gegenüber, teilte er mit. Mit der Quote hatte die EU jahrzehntelang die Produktionsmenge bestimmt und damit indirekt den Preis festgelegt. Andere Bauernverbände, etwa der Milchbauernverband European Milk Board (EMB), forderten eine erneute Mengenkürzung. Bei der Sitzung der Landwirtschaftsminister zeichnete sich laut Diplomaten jedoch keine Mehrheit für staatliche Eingriffe ab, um den Milchpreis zu stützen.

Die Überschüsse an Milchprodukten stehen seit Langem in der Kritik. Nicht nur europäische Produzenten geraten durch die subventionierte Überproduktion unter Druck. Europäische Großmolkereien überschütten auch den afrikanischen Markt mit Milchprodukten – meist in Form von Milchpulver – zu Dumpingpreisen, zu denen lokale Betriebe zu produzieren nicht im Stande sind. Europäische Milchkühe geben ein Vielfaches der Milchmenge afrikanischer Tiere, zudem müssen die meisten afrikanischen Produzenten auf staatliche Subventionen verzichten.