In der Abgas-Affäre wird die Frage nach den Verantwortlichen drängender. Wusste die Konzernführung von der Manipulation der Abgaswerte von Dieselfahrzeugen in den USA? So urteilt die Presse.

Die New York Times gibt der Manipulation ein Gesicht: Anhand eines amerikanischen VW-Dieselfahrers wird gezeigt, wie verärgert und verunsichert die Kunden sind. "Die Wut der VW-Fahrer" titelt die NYT. VW habe wie kein anderer Autohersteller versucht, die Amerikaner für Diesel-Fahrzeuge zu gewinnen und dabei die Erinnerungen an umweltschädliche, unzuverlässige Autos zu löschen. Das Vertrauen der amerikanischen Fahrer dürfte VW nun verspielen. Die Manipulation könne nun folgen für die gesamte Technologie haben. Zugleich lobt die NYT das Vorgehen der Environmental Protection Agency (EPA). Der Ermittlungserfolg sei durch die weitreichenden Befugnisse der Behörde ermöglicht worden. Diese würden in vielen anderen Bereichen nicht gelten, weswegen andere Aufsichtsbehörden nicht den nötigen Druck auf Unternehmen ausüben könnten.

Auch die L.A. Times sieht die Zukunft des Diesels insgesamt gefährdet. Dadurch, dass VW in den USA der größte Diesel-Hersteller sei, würde die gesamte Technologie kompromittiert werden.

"Viele von denen, die jetzt Antworten fordern, sind auch scharf darauf, VW und anderen europäischen Herstellern ernsthaften wirtschaftlichen Schaden zuzufügen", schreibt der britische Telegraph. Es gebe US-Unternehmen, darunter auch Google und Apple, die auf die frei werdenden Marktanteile schielen würden.

Die in Madrid erscheinende El País fordert, dass die Manipulation "radikal geahndet" wird. Ein solcher Betrug könne nicht nur mit einer Geldstrafe geahndet werden. "Es ist nötig, dass die politisch Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden und dass die Konsequenzen auch Martin Winterkorn treffen." Der Schaden für Volkswagen sei unermesslich.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung glaubt nicht, dass der Zeitpunkt des Skandals zufällig ist. Am Freitag sollte die Vertragsverlängerung von Konzernchef Martin Winterkorn in einer Aufsichtsratssitzung beschlossen werden. "Man braucht kein Verschwörungstheoretiker zu sein, um nicht an Zufälle zu glauben." Ein Rätsel sei, weshalb Volkswagen trotz des überschaubaren Nutzens ein solches Risiko eingegangen ist. Entweder die Konzernführung habe davon gewusst oder es sei Winterkorn verborgen geblieben. "Das eine ist so schlecht wie das andere."

Auch die Süddeutsche Zeitung hält es für "schwer vorstellbar", dass Winterkorn von den Vorgängen nichts wusste. Allerdings werden auch die Behörden in der Verantwortung gesehen. "Möglich war der Betrug, weil die Behörden die Abgaswerte nicht im richtigen Leben testen lassen, bei der Fahrt im Straßenverkehr – sondern in der künstlichen Welt der Werkstatt." Solange das so sei, dürfe sich niemand wundern, wenn Testwerte und echte Werte sich unterscheiden würden. 

"So viel Dreistigkeit ist schwer zu glauben", schreibt die taz. Die Manipulation sei nicht nur kriminell, sondern wegen des weitreichenden Imageschadens auch "unglaublich dumm". Erschreckend sei auch die Reaktion der deutschen Politik. Um zu klären, ob die illegalen Manipulationen auch in Europa eingesetzt wurden, plane das Verkehrsministerium nicht etwa schnelle eigene Untersuchungen. "Stattdessen fordert die Regierung allen Ernstes vom Konzern selbst Informationen darüber ein, ob er auch in Deutschland betrogen hat." Diese Naivität und Hilflosigkeit sei schockierend.

Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung schreibt, dass den Autoherstellern grundsätzlich ja vieles zuzutrauen sei. "Dass ein Konzern jedoch mit krimineller Energie versucht, Behörden, letztendlich auch seine Kunden massiv zu betrügen wie jetzt Volkswagen, erschüttert dennoch." Sofort stelle sich die Frage nach der Verantwortung des Konzernchefs Martin Winterkorn. Sei es denkbar, dass der "detailversessene Ingenieur, der sich rühmt, jede Schraube in seinem Volkswagen zu kennen" nichts von den Vorgängen wusste? Diese Frage sei letztlich nicht mal entscheidend, schreibt die WAZ. Denn auch wenn er nichts wusste, trage Winterkorn die Verantwortung. "Kommt jetzt, woran selbst der scheinbar allmächtige Ferdinand Piëch scheiterte: Winterkorns Ablösung?" In jedem Fall sei es schon jetzt auffallend einsam um Winterkorn geworden. "Was auf jeden Fall kommt, ist ein Vertrauensverlust in die Glaubwürdigkeit der deutschen Autoindustrie und in der Folge konsequentere Kontrollen – oder: mehr gesundes  Misstrauen."

Auch für die Thüringische Landeszeitung bedeutet die Affäre eine "neue Stufe im Misstrauen" der Kunden. Schon immer sei klar gewesen, dass die Verbrauchswerte aus den Verkaufsprospekten nicht zu erreichen seien. "Nun weiß man, dass auch die formell recht sparsamen Diesel-Motoren nicht das halten, was das Gesetz und die Verbraucher von ihnen verlangen." Statt in die Technologie habe Volkswagen in die Entwicklung einer Manipulationssoftware investiert. Personelle Konsequenzen seien unumgänglich, wenn sich herausstellen sollte, dass auch die Konzernführung davon wusste.

Die Neue Westfälische sieht in der Manipulation einen Vorgang, der Volkswagen möglicherweise in den Ruin treiben könnte. Es sei verwunderlich, dass die Verantwortlichen offenbar glaubten, der Schwindel werde nicht auffliegen. "Mit VW-Chef Martin Winterkorn möchte man zurzeit nicht tauschen." Mit der Entlassung von Abteilungsleitern sei dieser Betrug nicht getan. "Ein Bauernopfer genügt nicht."