Der neue Volkswagen-Chef Matthias Müller hat den weltweit rund 600.000 Beschäftigten des Konzern eine umfassende Aufklärung des Abgas-Skandals zugesichert. "Wir klären jetzt schonungslos auf", heißt es in einem Brief an die Mitarbeiter, der dem Handelsblatt vorliegt. Zusammen mit Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh weist Müller auch auf den Ernst der Lage hin. "Unser Unternehmen steht vor nie da gewesenen Herausforderungen", betonen beide. Man werde alles tun, um das Vertrauen der Kunden, Partner, Investoren und der gesamten Öffentlichkeit Stück für Stück zurückzugewinnen. Neben der Aufklärung werde es eine der wichtigsten Aufgaben sein, dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder vorkommen könne. "Dazu werden wir die strengsten Compliance- und Governance-Standards der gesamten Branche entwickeln und umsetzen. Auch hier müssen wir in Zukunft Maßstäbe setzen." 

 Nach Angaben eines Sprechers will der Konzern in nächster Zeit eine Rückrufaktion starten, die für den Kunden kostenlos sein werde. In der kommenden Woche wolle VW erste Erkenntnisse präsentieren. Dazu würden auch Gespräche mit den Behörden geführt. "Wie ermitteln auf Hochtouren", so der Sprecher. Wichtig sei für das Unternehmen, schnellstmöglich seine Kunden zu informieren. Ob dies direkt oder über die Händler geschehen werde, werde derzeit abgestimmt.

Die umstrittene Software müsse mit einem Update "in den Zustand versetzt werden, dass sie der Gesetzgebung entspricht", sagte der Sprecher. "Die meisten Fahrzeuge werden mit einem solchen Update den Regularien entsprechen." Ob noch weitere Änderungen vorgenommen werden müssten, kläre das Unternehmen gerade. "Sollten wir mehr machen müssen als ein Software-Update, werden wir das machen". Eine Frist des Kraftfahrtbundesamtes für den  Volkswagen-Konzern, über die die Bild am Sonntag berichtete, konnte der Sprecher nicht bestätigen. Die "Dringlichkeit" sei dem Unternehmen aber "mehr als bewusst", sagte er.

Bosch warnte schon vor Jahren

Im Konzern hat es nach Medienberichten schon lange Hinweise auf den Einsatz illegaler Software zur Manipulation von Abgastests bei Dieselfahrzeugen gegeben. Der Zulieferer Bosch und ein VW-Techniker hatten laut Medien bereits vor Jahren vor der Praxis gewarnt, die den Wolfsburger Autobauer jetzt in die schwerste Krise seit Jahrzehnten gestürzt hat. Der Druck auf VW, den Fall schnell aufzuklären und das Vertrauen wiederherzustellen, wird immer größer. Kanzleramtsminister Peter Altmaier verlangte eine Garantie, dass Autos deutscher Hersteller Gesetze einhalten.

Ein Techniker von VW hatte laut der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung bereits 2011 vor den Praktiken gewarnt. Dies gehe aus einem Prüfbericht der internen Revision von VW hervor, schrieb das Blatt unter Berufung auf Aufsichtsratskreise. Das Kontrollgremium sei darüber bei seiner Sitzung am vergangenen Freitag informiert worden. Es sei aber nicht geklärt worden, warum die Warnung damals ohne Folgen geblieben war. Sollten die externen Ermittler Belege für ein Fehlverhalten aktueller oder ehemaliger Vorstände finden, drohten den Managern Schadensersatzforderungen des Konzerns.

Bosch soll sogar schon 2007 vor der gesetzeswidrigen Verwendung der Technik zur Abgasnachbehandlung gewarnt haben. Die von Bosch gelieferte Software sei nur für Testzwecke vorgesehen gewesen, nicht für den normalen Fahrbetrieb, schrieb die Bild am Sonntag unter Berufung auf ein VW-internes Dokument, auf das die interne Revision gestoßen sei. In einem Brief habe Bosch dem Konzern mitgeteilt, dass der geplante Einsatz illegal sei.

Druck auf VW nimmt zu

Ein Bosch-Sprecher betonte am Sonntag, man sei im Rahmen der Geschäftsbeziehungen mit VW zur Vertraulichkeit verpflichtet. Vergangene Woche war bekannt geworden, dass die Technik zur Abgasnachbehandlung von dem schwäbischen Autozulieferer stammt. Aus den Unterlagen der US-Umweltbehörde EPA, die den Skandal öffentlich gemacht hat, geht hervor, dass VW die Software selbst programmiert hat.

In der Politik und Wirtschaft besteht derweil die Angst, dass durch den Abgas-Skandal deutsche Produkte in Verruf geraten könnten. Wenn ein Weltkonzern wie VW sich so eklatant über Umweltregeln hinwegsetze, dann werfe dies einen Schatten auf die Versprechen deutscher Unternehmen, sagte Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) dem Handelsblatt. Altmaier betonte im Tagesspiegel am Sonntag, VW sei für das Image der hiesigen Wirtschaft mitverantwortlich. Es sei im "deutschen Interesse, dass die Vorgänge bei Volkswagen aufgeklärt und die notwendigen Konsequenzen gezogen werden".

Bei Aktienanlegern war zuletzt die Sorge aufgekommen, auch andere Autobauer könnten bei Abgastests geschummelt haben. Daimler-Chef Dieter Zetsche sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, sein Unternehmen halte sich an die gesetzlichen Vorgaben. "Wir haben keinerlei Manipulationen an unseren Fahrzeugen vorgenommen." Auf die Frage, ob alle Hersteller Betrüger seien, sagte er: "Klare Antwort: Nein!"

Das sieht auch die Mehrheit der Deutschen so. Einer Umfrage des Instituts Emnid für die Bild am Sonntag zufolge haben 44 Prozent der Befragten "großes Vertrauen", elf Prozent sogar "sehr großes Vertrauen" in die technischen Angaben der Hersteller.