Martin Winterkorn zieht die Konsequenzen aus der Affäre um manipulierte Abgaswerte bei Volkswagen. Als Vorstandsvorsitzender übernehme er die Verantwortung für die bekannt gewordenen Unregelmäßigkeiten bei Dieselmotoren, gab Winterkorn in Wolfsburg bekannt. "Volkswagen braucht einen Neuanfang – auch personell." Winterkorn war seit Januar 2007 Vorstandsvorsitzender von Volkswagen.

"Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagenkonzern möglich waren", sagte Winterkorn. Er habe den Aufsichtsrat gebeten, mit ihm eine Vereinbarung zur Beendigung seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender des Volkswagenkonzerns zu treffen. "Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltens bewusst bin", erklärte Winterkorn.

Der VW-Konzern hat zugegeben, dass weltweit elf Millionen Motoren mit einer Software ausgestattet sind, um die Messung des Schadstoffausstoßes zu manipulieren. Noch am gestrigen Dienstag hatte sich Winterkorn dafür in einem Videostatement entschuldigt und um das Vertrauen der Kunden geworben. Von einem Rücktritt war zu diesem Zeitpunkt nicht die Rede.

Seit dem Morgen musste Winterkorn dem Aufsichtsratspräsidium in Wolfsburg Rede und Antwort stehen, wie es zu der Manipulation von Diesel-Abgaswerten kommen konnte. Insidern zufolge hatte Winterkorn zuletzt auch in diesem Gremium Vertrauen verloren. VW droht wegen der Manipulationen eine Milliardenstrafe in den USA, auch in der EU wird geprüft, ob VW europäische und deutsche Standards eingehalten hat. Die Bundesregierung hat eine Untersuchungskommission eingerichtet. Laut Süddeutscher Zeitung sind in den USA zudem fast 40 Sammelklagen gegen Volkswagen eingegangen. Kunden klagen gegen den Konzern wegen Vertragsbuch, Betrug und weiteren Gesetzesverstößen.

Am Freitag soll das gesamte Gremium einen neuen VW-Chef benennen – ursprünglich sollte Winterkorns Vertrag bis Ende 2018 vorzeitig verlängert werden. 

Interims-Aufsichtsratschef Berthold Huber sagte nach der Gremiumssitzung, Winterkorn habe keine Kenntnis von der Manipulation der Abgaswerte gehabt. Das Präsidium des Aufsichtsrats habe Winterkorns Rücktrittsentscheidung deshalb "mit großem Respekt" entgegengenommen. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sagte, das Präsidium habe beschlossen, durch das Unternehmen Strafanzeige zu erstatten. Das Gremium habe "den Eindruck, dass strafrechtlich relevante Handlungen eine Rolle" gespielt hätten. Das Unternehmen werde dafür sorgen, dass die Verantwortlichen für die Abgas-Affäre "hart belangt werden". Zudem werde Volkswagen einen Sonderausschuss gründen, der die Aufklärung konsequent vorantreiben werde. Dabei solle auch auf externe Berater zurückgegriffen werden.

Müller könnte Winterkorn folgen

Im Frühjahr hatte Winterkorn einen wochenlangen Machtkampf mit dem inzwischen abgetretenen langjährigen Chefaufseher und VW-Patriarchen Ferdinand Piëch überstanden. Dieser war in einem Interview völlig überraschend auf Distanz zum Vorstandsvorsitzenden gegangen und hatte damit eine Führungskrise bei VW ausgelöst.

Winterkorn ging damals gestärkt aus der Krise hervor. Noch Anfang September hatte sich das Präsidium des Aufsichtsrats einstimmig für eine vorzeitige Vertragsverlängerung ausgesprochen. Man wolle mit Winterkorn den "Erfolgsweg der vergangenen Jahre weitergehen", sagte damals Aufsichtsratschef Berthold Huber.

Ein Nachfolger für Winterkorn soll ein den nächsten Tagen präsentiert werden. Vorschläge zur personellen Neubesetzung sollten bis zur Sitzung des Aufsichtsrats am kommenden Freitag vorliegen, teilte das Präsidium des Gremiums mit. Die Mitglieder des engeren Führungszirkels um Betriebsratschef Bernd Osterloh, Ministerpräsident Weil und Wolfgang Porsche als Sprecher der Familien Porsche und Piëch erklärten zudem, es sei in den nächsten Tagen mit weiteren personellen Konsequenzen zu rechnen. Die internen Untersuchungen liefen auf Hochtouren.

Der Tagesspiegel hatte zuvor berichtet, Winterkorn habe jegliches Vertrauen im Aufsichtsrat verloren. Nachfolger des 68-Jährigen soll demnach Porsche-Chef Matthias Müller werden. Sein Name fiel schon mehrfach, auch ähneln sich die Karrieren der beiden Automanager: Als Winterkorn 2007 VW-Chef wurde, ging auch Müller nach Wolfsburg. Er übernahm die Leitung des Produktmanagements und wurde Generalbevollmächtigter des Konzerns. Zuvor hatten sie schon bei Audi zusammen gearbeitet: Winterkorn war seit 2002 Vorstandsvorsitzender der VW-Tochter, auch Müller machte bei dem Ingolstädter Autobauer Karriere. Im Jahr 2010 wechselte Müller an die Spitze von Porsche. Seit März ist Müller auch Vorstandsmitglied beim Porsche-Mutterkonzern Volkswagen.