Dale Cooper war 19 Jahre alt, als er seinen ersten Pornofilm drehte. Er hatte gerade angefangen zu studieren. Das Geld war knapp, die Pläne groß: Cooper wollte eine Fahrrad-Tour quer durch die Staaten machen, doch im letzten Moment war ein Sponsor abgesprungen.

Eine Anzeige auf Craigslist, dem amerikanischen Online-Marktplatz, weckte sein Interesse: Für einen Film wurde ein "Twink" gesucht. Das ist in der Schwulenszene die Beschreibung eines gutaussehenden, jungen Mannes. Es sollte eine Blowjob-Szene sein, die Produktionsfirma lockte mit ein paar Hundert Dollar. Es klang verlockend, Cooper machte mit.

Inzwischen ist Dale Cooper 28 Jahre alt. Er erinnert ein wenig an den Schauspieler Jake Gyllenhaal, der in dem Hollywood-Film Brokeback Mountain an der Seite von Heath Ledger einen schwulen Cowboy spielte. Nach seinem ersten Porno dauerte es Jahre, bis Cooper den nächsten Film drehte. Doch als die Schulden aus dem Studium anwuchsen, waren Pornos erneut eine einfache Geldquelle. Das Geschäft lief so gut, dass Cooper sich sogar eine zweite Identität anlegte: Dale. Mit seinen Einnahmen hat er inzwischen den ersten Studiumskredit abbezahlt. "Das habe ich der Sex-Arbeit zu verdanken", sagt er.

Auch wenn Cooper zufrieden ist, die Arbeitsbedingungen in der Porno-Industrie sind extrem rau geworden. Längst sind es nicht mehr nur einige wenige große Studios im kalifornischen San Fernando Valley oder in Miami/Florida, die das Sagen haben. Inzwischen fluten sogenannte Tube Sites (eine Art YouTube für Porno) mit Tausenden Filmen zum sofortigen, kostenlosen Streaming das Internet. Allein das Tube-Konglomerat Mindgeek, gegründet vom deutschen Porno-Unternehmer Fabian Thylmann, zählt rund 100 Millionen Besuche am Tag und bietet mehr als 50.000 Stunden Film an. Zu Mindgeek gehören so bekannte Seiten wie PornHub, YouPorn oder RedTube. Geld verdienen die Angebote vor allem mit Werbung. 

Vor Kurzem sorgte PornHub, die größte Seite im Mindgeek-Imperium, für Aufmerksamkeit, als das Unternehmen eine riesiges Werbebanner am Times Square installierte: "All you need is a hand – PornHub", stand darauf – und zwei Hände formten ein Herz. Das Unternehmen macht sich zurzeit daran, das Netflix der Porno-Branche zu werdenFür rund zehn Dollar im Monat haben Kunden grenzenlosen Zugang zum Pornoangebot. Garantiert werbefrei.

Gegenseitiges Kannibalisieren

Mindgeek ist inzwischen so mächtig, dass viele Produktionsfirmen darüber hinwegsehen, dass die Filme häufig geklaut und kostenlos zur Verfügung gestellt werden – auch wenn sie selbst dabei leer ausgehen. Längst hat das Unternehmen zahlreiche Studios aufgekauft oder eng an sich gebunden. Mindgeek, heißt es in der Branche, sei das Amazon des Pornos. Die Mindgeek-Tubes hätten "die Branche kannibalisiert", sagt Jennifer McEwen, Co-Gründerin von Mikandi, dem nach eigenen Angaben weltgrößten Porno-Appstore. 

Die Porno-Branche mache gerade eine ähnliche Entwicklung durch wie die Film- und Musikindustrie, sagt Kate Darling vom MIT Media Lab. Die promovierte Wissenschaftlerin hat das Porno-Geschäft im Netz-Zeitalter in einer Studie untersucht: Welche Folgen haben Urheberrechtsverletzungen auf die Porno-Industrie? "Anders als in der Film- und Musikbranche sei es dem Nutzer letztlich egal, was genau er finde", sagt Darling. Und während Hollywood die politische und wirtschaftliche Kraft habe, sich gegen Monopole und Raubkopien zu wehren, hätten Porno-Anbieter kaum rechtliche Mittel, sich zu wehren. Das Geschäft finde noch immer am Rande der Gesellschaft statt, die Politik in Washington zeige wenig Interesse daran, die Branche zu stärken. 

In den neunziger Jahren ging es dagegen der Branche auch ohne fremde Hilfe blendend. US-Studios produzierten Hunderte Filme pro Monat, die Kosten waren niedrig, die Profite hoch. Zuerst wurden die Filme per VHS und später per DVD an die Kunden verschickt. Irgendwann bauten die Anbieter Internetseiten, erst nur mit Bildern, dann mit kurzen Videos. Diese versteckten sie hinter einer Bezahlschranke: Als eine der ersten Branchen entdeckten die Porno-Anbieter das Netz als Einkommensquelle. In den Boom-Jahren setzte die Industrie rund 40 bis 50 Milliarden Dollar im Jahr um.