Jim Coppinger ist ein stämmiger Mann. Wenn er spricht, tut er das mit dunklem Bass, die Vokale zieht er dabei in die Länge, die Wörter verschwinden in einem tiefen Südstaaten-Akzent. Sein grauer Schnäuzer zieht sich nach unten bis weit über die Mundwinkel. Coppinger ist der Typ, den man am Steuer eines Pickups sieht oder einem langen Schlitten mit extrabreiten Sitzen – eine Art Archetyp des amerikanischen Mannes. Allerdings: Coppinger fährt einen Passat Diesel, Baujahr 2013.

Der 60-Jährige ist Bürgermeister von Hamilton County, jener Gemeinde, zu der auch Chattanooga im Bundesstaat Tennessee gehört. Hier, in der 180.000-Einwohner-Stadt, hat Volkswagen sein einziges US-Werk. Und das bereitet auch dem Bürgermeister gerade große Probleme. Seit die Wolfsburger öffentlich eingestehen mussten, die Abgasmessungen ihrer Diesel-Modelle bewusst manipuliert zu haben, macht man sich in Chattanooga Gedanken über die wirtschaftliche Zukunft und die Beziehung zu den Deutschen.

Als er die Zeitung am Tag danach aufschlug, sei auch er "geschockt" und enttäuscht gewesen, gibt Coppinger zu. Nicht nur er, auch die Angestellten des Konzerns hätten die Nachrichten und die Ereignisse im Mutterkonzern genau verfolgt. "Wir versuchen, ihnen die Ängste zu nehmen", sagt Coppinger. Seit die Nachrichten vor rund zwei Wochen die Runde machten, hat sich der Bürgermeister immer wieder mit dem Management vor Ort getroffen und Telefonate geführt. Die Deutschen seien "sehr kooperativ".

In Chattanooga sah man sich als Gewinner, als Volkswagen kam. Um die Konzernspitze davon zu überzeugen, dass die Kleinstadt in Tennessee der richtige Standort ist, verteilten die Stadtoberen saftige Steuergeschenke: Fast eine halbe Milliarde Dollar steckten die Steuerzahler in den Bau der Fabrik. Mit den Deutschen kamen Tausende neuer Arbeitsplätze und Millionen von Steuereinnahmen und Investitionen in die Stadt. Neben Volkswagen haben sich hier im Laufe der vergangenen Jahre auch zahlreiche Zulieferer angesiedelt. "Leute von anderswo wurden plötzlich auf uns aufmerksam und haben ihr Geschäft hierhin verlegt, auch wenn sie mit der Autoindustrie überhaupt nichts zu tun hatten", erzählt der Bürgermeister. Bis dahin war die Stadt außerhalb der Region kaum bekannt.

"Wir sehen es immer noch als großen Erfolg", sagt Coppinger. Er sitzt in seinem Büro, in dem dunkle, schwere Möbel das Licht abfangen, das durch die großen Fenster kommt. Die Deutschen seien inzwischen ein fester Bestandteil der Gemeinde. VW ist der Hauptsponsor des örtlichen Football-Vereins und unterstützt mehrere öffentliche Schulen mit regelmäßigen Spenden. "Die Leute hier wissen, wie wichtig Volkswagen für uns ist", so Coppinger. Fährt man durch die Straßen, sieht man das Logo der Wolfsburger auffällig oft. Schon am Flughafen begrüßen neben riesigen Werbetafeln auch ein Passat und ein Jetta die Besucher. Viele Volkswagen, die hier unterwegs sind, tragen einen Aufkleber: "Gebaut in Chattanooga". "VW ist hier größer als anderswo im Land", sagt der Bürgermeister.

Das Werk befindet sich nur knapp 20 Autominuten von seinem Büro entfernt, kurz hinter der Stadtgrenze, am Ende des kilometerlangen Volkswagen Drive. Der graue Bau erstreckt sich über Hunderte Meter vor der Bergkulisse Chattanoogas, ein Besucherzentrum zeigt Maschinen und Produktionsabläufe. "Think Blue" steht auf den Wänden der überdachten Gehwege, Schilder erklären den Mitarbeitern, dass es gesünder ist, hin und wieder auf das Fahrrad umzusteigen. Seit April 2011 rollt hier der Passat für den US-Markt vom Band. Teile der Fabrik werden mit Solarstrom betrieben, das Dach sammelt Regenwasser zur Wiederverwendung. Hier in Chattanooga und in der Lokalpresse galt VW als Vorzeige-Arbeitgeber.

Im Moment allerdings sind Reporter nicht erwünscht. Wer versucht, mit Mitarbeitern zu sprechen, der wird schnell von den Sicherheitsleuten abgefangen und zum Ausgang eskortiert. Die Angestellten selbst verweisen auf Nachfrage an das Management, die Minderheit, die gewerkschaftlich organisiert ist, darf sich nicht öffentlich äußern. Nur soviel sagen ein paar Mitarbeiter im blauen VW-T-Shirt eilig im Vorbeigehen: Nein, man mache sich keine Sorgen um seinen Arbeitsplatz, und nein, in der Mittagspause sei es kein Thema. Niemand hier, so scheint es, will im Moment Teil der Geschichte werden.