Die Abgas-Affäre bei Volkswagen wird den Konzern voraussichtlich noch Jahre beschäftigen: Der neue VW-Chef Matthias Müller stimmte die Mitarbeiter auf einer Betriebsversammlung in Wolfsburg auf harte Einschnitte und einen noch schärferen Sparplan ein. Am heutigen Mittwoch soll die Konzernspitze weiter umgebaut werden. Am Morgen trifft sich dazu der VW-Aufsichtsrat auf dem Werksgelände in Wolfsburg.

Die Pläne sehen vor, dass die Volkswagen-Töchter Seat und Škoda künftig im VW-Konzernvorstand vertreten sein werden – aber nicht durch die jeweiligen Markenchefs. Es werde stattdessen Paten für die beiden kleineren Marken geben, wie die Finanznachrichtenagentur dpa-AFX aus Konzernkreisen erfuhr. Dem Vernehmen nach soll Beschaffungsvorstand Francisco Sanz diesen Job für Seat übernehmen. Auch sollen die Marken und Regionen gegenüber der Wolfsburger Zentrale mehr Gewicht erhalten.

Auf der Agenda des VW-Aufsichtsrats steht auch die Personalie Hans Dieter Pötsch. Der bisherige VW-Finanzchef soll nach dem Willen des Präsidiums Chef des Aufsichtsrates werden. Kritiker, wie die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), sehen in seiner Person den falschen Kandidaten zur Aufarbeitung der Abgas-Krise, da nicht zweifelsfrei nachgewiesen sei, dass er keine persönliche Verantwortung für Verfehlungen in der Affäre trage.

Die neue Konzernstruktur soll ab dem ersten Quartal 2016 in die Tat umgesetzt werden, heißt es im Konzern. Gleichzeitig soll im Januar die Rückrufaktion der betroffenen Dieselfahrzeuge beginnen. VW-Chef Müller rechnet damit, dass sich die Nachbesserung des Motors EA189 in Kombination mit verschiedenen Getrieben und diversen länderspezifischen Auslegungen lange hinziehen wird: "Bis Ende 2016 sollen dann alle Autos in Ordnung sein", sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

VW müsse die jeweilige Lösung auf jedes Modell abstimmen und die notwendigen Teile bestellen. "Wir brauchen also nicht drei Lösungen, sondern Tausende", sagte Müller. Für die meisten Motoren genüge ein Update der Software in der lokalen Werkstatt. Manche Fahrzeuge aber könnten neue Injektoren und Katalysatoren brauchen. Müller sagte, VW habe in dieser Woche dem Kraftfahrtbundesamt technische Lösungen vorgestellt. Nach aktuellem Kenntnisstand seien an den Manipulationen nur wenige Entwickler in Wolfsburg beteiligt. Bislang seien vier Mitarbeiter beurlaubt worden, "davon drei Vorstände, die zu unterschiedlichen Zeiten Verantwortung für die Motorenentwicklung bei Volkswagen hatten", führte Müller aus. "Andere sind teils schon in Pension."

Europas größter Autokonzern hatte eingeräumt, mit einem Computerprogramm die Abgaswerte bei Dieselwagen manipuliert zu haben. Weltweit sind nach Konzernangaben etwa elf Millionen Fahrzeuge betroffen, davon 2,8 Millionen auch in Deutschland. VW hat bereits mitgeteilt, alleine fünf Millionen Fahrzeuge der Konzern-Kernmarke VW in die Werkstätten holen zu wollen.

Volkswagen entschuldigt sich bei US-Kunden

Bei den Kunden in den USA – dort hatte die Umweltschutzbehörde EPA den Skandal aufgedeckt – hat sich Volkswagen in einem Brief ausdrücklich entschuldigt. US-VW-Chef Michael Horn bat die Kunden persönlich um Verzeihung. Im Kampf um das Vertrauen der Kunden in Deutschland hatte sich VW mit einer großen Werbekampagne in Zeitungen entschuldigt.

Der Städte- und Gemeindebund rechnet mit negativen Folgen des Abgas-Skandals für Städte und Kommunen: "Die VW-Krise kann vor dem Hintergrund der Gewerbesteuereinnahmen deutliche Auswirkungen auf die Kommunen mit Produktionsstandorten haben", sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbands, Gerd Landsberg, der Bild-Zeitung. Je nach Dauer und Umfang dieser Krise "könnte es dann auch dazu kommen, dass kommunale Angebote und Leistungen wie etwa Schwimmbäder, Büchereien oder ähnliches auf den Prüfstand gestellt werden müssen".

In Wolfsburg steht auch das Fußball-Engagement des angeschlagenen Konzerns zur Debatte. "Wir drehen jeden Stein um und werden uns auch das ansehen", sagte Müller der FAZ. Der Bundesligist VfL Wolfsburg ist eine hundertprozentige Konzerntochter und wird bislang jährlich mit einem hohen zweistelligen Millionenbetrag unterstützt. Zudem ist VW über die Tochter Audi am FC Bayern München und dem FC Ingolstadt beteiligt. VW engagiert sich auch als Sponsor des DFB-Pokals und von insgesamt 16 Profivereinen in Deutschland.


Aufgrund des riesigen finanziellen Schadens durch die Abgas-Affäre stellt Volkswagen momentan alle Investitionen auf den Prüfstand: