Auch andere Branchenkenner schütteln den Kopf über den Deal. Von einem "goldenen Handschlag" für alte Kraftwerke spricht der Bund für Naturschutz und Umwelt. Das Netzwerk Klima-Allianz kritisiert, dass nun Kraftwerke eine Vergütung erhalten, die sowieso vom Netz gehen sollten. Die Allianz verweist dabei auf eine Monitoringliste der Bundesnetzagentur, die davon ausgeht, dass beispielsweise das RWE-Kraftwerk Niederaußem sowieso 2019 abgeschaltet werden sollte. Nun aber geht Niederaußem in die Reserve und RWE erhält die millionenschwere Ausgleichszahlung. Gabriels Ministerium betont, dass man "grundsätzlich die älteren und ineffizienteren Anlagen gewählt habe". Keiner der Kraftwerksblöcke sei bei der Bundesnetzagentur zur Stilllegung angemeldet. Im Fall von Niederaußem sei die Stilllegung offiziell noch nicht angemeldet gewesen.

Völlig offen ist, ob sich die Meiler tatsächlich für eine sinnvolle Reserve eignen. Braunkohlekraftwerke sind viel zu schwerfällig, um sie im Notfall kurzfristig hochzufahren, wenn wegen fehlendem Wind- oder Solarstrom zu wenig Ökostrom im Netz ist. Das geplante Gesetz räumt ihnen sogar zehn Tage "Anwärmzeit" ein, um sie hochzufahren – für dringende Engpässe kaum eine Hilfe. Dass es zu echten Knappheiten im deutschen Stromnetz kommt, ist zudem umstritten. Deutschland hat schon heute zu viele Kraftwerke am Netz. Zudem gibt es bereits einen anderen Pool, in dem Kraftwerke als Reserve vorgehalten werden, die sogenannte Kapazitätsreserve. 

Neue Gasturbinen günstiger

Nach Auffassung des Berliner Thinktanks Agora Energiewende hätte man die 1,6 Milliarden Euro besser in flexible, effiziente Gasturbinen investieren sollen – was weitaus günstiger gewesen wäre. Die Kraftwerksreserve sei "teurer als notwendig", sagt Agora-Chef Patrick Graichen. Aber das sei eben der Preis für den Einstieg in die Dekarbonisierung. 

Die Politik ist offenbar bereit, diesen Preis zu zahlen. Natürlich auch wegen der Arbeitsplätze in der Kohlebranche. Die neue Reserve trage dazu bei, "für die Unternehmen und ihre Beschäftigten Strukturbrüche zu vermeiden und den Strukturwandel sozial und ökonomisch verträglich zu gestalten", teilt das Wirtschaftsministerium mit. Zumindest Vattenfall gibt sich schon einmal erleichtert: Man rechne mit keinen betriebsbedingten Kündigungen wegen der Stilllegung. Bei RWE, dem Unternehmen, das den größten Teil seiner Kraftwerksblöcke einbringt – und auch am stärksten profitiert – könnten bis zu 1.000 Stellen wegfallen.