Man kennt diese Sätze – und mag sie kaum noch glauben: "Schonungslose und vollständige Aufklärung ist für uns ohne Alternative", bekräftigt der neue VW-Vorstandschef Matthias Müller diese Woche. "Mit Hochdruck" will er die Abgasaffäre aufklären, die internen Untersuchungen liefen und "machen vor nichts und niemandem Halt".

Das klingt, als durchforste da jemand gnadenlos ein Unternehmen. Doch es sind vor allem US-Behörden, welche die Entdeckungen vorantreiben, erst Anfang der Woche warfen die amerikanischen Ermittler dem Autokonzern vor, auch andere Modelle wie etwa den Porsche Cayenne manipuliert zu haben. Volkswagen dementiert dies, aber es verfestigt sich der Eindruck: Schonungsloses Aufklären sieht anders aus.

Wie viel Mühe gibt sich der Konzern tatsächlich beim Aufräumen? Natürlich ist es nicht einfach, sich in dem weltweiten Riesenreich Volkswagen einen Überblick zu verschaffen. Das bekamen schon andere Großunternehmen zu spüren: Die Siemens Korruptionsaffäre aus dem Jahr 2006 gilt bis heute nicht als vollständig aufgearbeitet. Der Fall ADAC ist noch nicht ansatzweise aufgerollt und selbst jahrelange Ermittlungen und Strafverfahren konnten in die Spitzelaffäre der Telekom nicht genügend Licht bringen. Externe Ermittler scheitern, weil von den hochrangigen Beteiligten oft keiner etwas sagt.

Amnestie für Ausplauderer

Deswegen muss man die Mitarbeiter auf den unteren Ebenen zum Reden bringen. Das ist nun offenbar auch die Strategie bei VW, auch wenn der Konzern das öffentlich noch nicht bestätigt hat. Auf einer Betriebsversammlung im Oktober soll Vorstand Müller gesagt haben, jeder Mitarbeiter, der zur Aufklärung beitrage, habe keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen zu befürchten. Eine Amnestie für Ausplauderer. Experten wie Stefan Heissner von der Beratung Ernst & Young halten die Strategie für clever: Man müsse den Mitarbeitern Schutz anbieten, sonst komme man bei der Aufklärung von Delikten nicht weiter. Denn die Täter hielten oft zusammen.

Dabei hat der VW-Konzern bereits Meldestellen für brisante Informationen. Nach der Affäre rund um bestochene Betriebsräte im Jahr 2005 richtete das Unternehmen für seine rund 600.000 Mitarbeiter ein Ombudsmann-System ein. Zwei Anwälte – ein ehemaliger leitender Beamter des Bundeskriminalamts und Ex-Polizeipräsident sowie ein Fachanwalt für Arbeits- und Steuerrecht – sollen seitdem als unabhängige Vermittler "strikt vertrauliche Informationen zu Korruptionstatbeständen entgegennehmen".

Der Siegeszug des Diesels

Der Dieselmotor galt jahrzehntelang als lahm und dreckig. Doch seit einigen Jahren sind die Verkaufszahlen rasant gestiegen. Wie bloß wurde die Dreckschleuder salonfähig?

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Der Selbstzünder gilt als robust – und sparsam, weil der Wirkungsgrad höher ist als beim Benziner.

Wo sind die Stärken?

Benziner

Der Otto-Motor ist in der Regel leistungsstärker und fährt geschmeidiger.

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Und wo hapert´s?

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Diesel

In der Anschaffung sind Dieselfahrzeuge in der Regel teurer. Die aufwendige Abgasbehandlung reduziert heute den Verbrauchsvorteil. Alte Modelle gelten als laut und lahm.

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© Carsten Koall/Getty Images
Verschmähtes Modell

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In den 1970er Jahren waren es vor allem Taxifahrer, die Diesel fuhren. Die Modelle waren schwerfällig, nerviges Vorglühen nahm den Fahrspaß.

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„Der Diesel ist unverzichtbar für die deutsche und internationale Automobilindustrie."

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Ihre Bilanz im vergangenen Jahr: 51 Meldungen leiteten die Ombudsmänner an den Antikorruptionsbeauftragten des Volkswagen Konzerns weiter. Bei dem Beauftragen und der Konzernrevision gingen außerdem 89 Hinweise ein. Insgesamt seien 365 Hinweise mit Verdacht auf "dolose Handlungen" eingereicht worden – also Bilanzmanipulation, Untreue und Unterschlagung. "Sämtlichen Hinweisen wird nachgegangen", heißt es in dem kurzen Statement. Welche Konsequenzen das allerdings hatte, schreibt VW nicht.

Unterschiedliches Engagement von Unternehmen

Anders geht etwa Siemens das Thema Compliance (frei übersetzt mit Regelkonformität) inzwischen an. Der Konzern (rund 350.000 Mitarbeiter) hat für 2014 einen  sechsseitigen Compliance-Berichtveröffentlicht. 653 Compliance-Fälle seien gemeldet worden, am Ende wurden 50 Mitarbeiter entlassen. 

Im aktuellen Diesel-Skandal wären die zwei Ombudsmänner sicherlich die richtigen Ansprechpartner zur Aufklärung. Aber werden sie überhaupt in Anspruch genommen? Beide Ombudsmänner wollen sich dazu auf Anfrage nicht äußern.