Die geplante neue Strategie des VW-Konzerns wird nach Ansicht von Finanzvorstand Frank Witter Konsequenzen für die Investitionen des Konzerns haben. "Hierbei werden wir gegenläufige Aspekte berücksichtigen müssen: Wir sehen einen steigenden Bedarf zu Investitionen in neue Antriebs- und Mobilitätskonzepte, Urbanisierung und Digitalisierung. Gleichzeitig sehen wir aber auch die Notwendigkeit, die Investitionen nicht nur absolut, sondern auch im Verhältnis zum Umsatz zu senken", sagte Witter bei der Vorstellung des Geschäftsberichtes 2015 in Wolfsburg. Zur Kompensation müssten mögliche Synergien zwischen den zwölf Marken des Konzerns "noch besser" genutzt werden.

Europas größter Autobauer muss nicht nur die finanziellen Folgen der millionenfachen Abgasmanipulation tragen. Zugleich steht er unter Druck, auf umweltschonendere Antriebe umzustellen und die Digitalisierung der Produktion einzuleiten. Konzernchef Matthias Müller sagte, der Wettbewerb werde weltweit immer härter. Gleichzeitig geht Müller davon aus, dass die Konkurrenz Kapital aus der Lage von VW schlagen will. Die Wolfsburger wollten sich jedoch nicht von der Krise lähmen lassen, sagte er. "Insgesamt haben wir aus heutiger Sicht gute Chancen, uns 2016 im operativen Geschäft solide zu entwickeln." Der Konzern mit seinen zwölf Marken habe eine starke finanzielle Substanz.

Im abgelaufenen Jahr hatten milliardenschwere Rückstellungen für das sogenannte Dieselgate bewirkt, dass der Konzern erstmals seit seiner Gründung 4,1 Milliarden Euro Verlust macht. Gleichwohl erhalten die Aktionäre, darunter die Familien Porsche und Piëch, eine Minidividende von wenigen Cent. Die Millionenboni des Vorstands werden um 30 Prozent gekappt. Für die Folgen des Abgasskandals sind 16,2 Milliarden Euro zurückgestellt.

Arbeitnehmer fürchten um ihre Arbeitsplätze. Etwa jeder fünfte Job in dem weltweit gut 600.000 Mitarbeiter großen Konzern entfällt auf die VW-Heimat Niedersachsen. Besonders dort sind die Zukunftssorgen in der Belegschaft groß.

Außerdem verschiebt der Konzern seinen für Ende April angekündigten Zwischenbericht zur Schuldfrage im Abgasskandal auf unbestimmte Zeit. Die Verzögerung hänge mit "unvertretbaren Risiken" für den Konzern zusammen, weil sich mögliche Strafen gegen das Unternehmen mit einer Veröffentlichung erhöhen könnten, hieß es.

Der wegen des Abgaswerte-Betrugs notwendige Rückruf der VW-Passat-Modelle in die Werkstätten ist derzeit weit hinter dem Zeitplan. "Wir sind damit noch nicht so weit, wie wir es gerne wären", sagte Müller. Angesichts großer Probleme bei der Umrüstung holt der Konzern nun nach ersten Modellen des Pick-ups Amarok als Nächstes den Golf in die Werkstätten. Einen Rückkauf von Passat-Modellen wie in Amerika soll es nicht geben.

Rückruf des Golfs ab kommendem Dienstag

Der Rückruf des Golfs wird kommenden Dienstag beginnen, teilte VW mit. Er gelte zunächst für rund 15.000 Fahrzeuge mit Schaltgetriebe und Zweilitermotor. In der kommenden Woche sollen die betroffenen Kunden Post erhalten. Sie können dann mit ihren Vertragswerkstätten einen Termin für die Umrüstung ausmachen. Das Aufspielen der neuen Software soll rund 30 Minuten dauern.

Im Ringen um eine Einigung mit den US-Behörden rechnet VW mit Milliardenkosten für "grüne" Projekte in den Vereinigten Staaten. Dafür veranschlagt der Konzern rund 1,8 Milliarden Euro.

Positiv für Volkswagen: Der für den Konzern wichtige Absatzmarkt China funktioniert. Weltweit grassiere die Sorge vor nachlassender konjunktureller Dynamik, sagte Müller. Aus Sicht von Volkswagen sei das "eher unwahrscheinlich".

Der wegen des Abgas-Betrugs zurückgetretene frühere VW-Chef Martin Winterkorn verliert infolge des Skandals Millionen. Hatte Winterkorn für 2014 noch fast 16 Millionen Euro kassiert, sind es für 2015 noch 7,3 Millionen Euro. Das liegt vor allem an der gesunkenen mehrjährigen variablen Vergütung. Neuer Spitzenverdiener im VW-Vorstand ist nun Nutzfahrzeug-Chef Andreas Renschler mit fast 15 Millionen Euro.

Nach mehr als zwölf Millionen Euro 2014 verdienen die Aufsichtsräte 2015 praktisch nichts. Der Gesamtbetrag für die Kontrolleure sank 2015 auf 697.000 Euro – ein Rückgang um etwa 94 Prozent. Hintergrund ist die Minidividende von 70 Millionen Euro, die Volkswagen für 2015 an die Aktionäre zahlen will. An die Höhe der Ausschüttung an die Aktionäre ist das Aufsichtsratssalär gekoppelt.  2014 waren noch 2,3 Milliarden Euro ausgeschüttet worden.