Auf den ersten Blick war es nur ein Aprilscherz, als der Onlinehändler Amazon neulich sein neuartiges Liefersystem vorstellte: Prime Rohrpost. Innerhalb einer Stunde, so die Ankündigung, könnten Bestellungen in Berlin künftig beim Kunden sein – dank eines ausgeklügelten Rohrsystems, in dem die Päckchen mit Druckluft quer durch die Stadt geschossen werden. Einzige Voraussetzung: Der Durchmesser der Produkte dürfe maximal 25 Zentimeter betragen.

Kurz darauf löste Amazon die Ankündigung auf: Nach eingehender Prüfung habe sich die Rohrpost als ungeeignetes Transportmittel erwiesen. April, April.

Tatsächlich ist das nur die halbe Wahrheit, denn in einigen Wochen wird genau das möglich sein: Wer in Berlin ein Buch oder eine DVD bei Amazon bestellt, hat das Päckchen spätestens eineinhalb Stunden später bei sich. Der einzige Unterschied zum Aprilscherz: Die Bestellung kommt nicht per Rohrpost, sondern mit Kurieren. Solche Expresslieferungen (Amazon Prime Now) bietet das Unternehmen bereits in einigen Städten an, darunter New York und London. Laut Wirtschaftswoche könnte schon im Mai mit Berlin die erste deutsche Stadt hinzukommen.

Fahrrad oder Diesel-Lieferwagen?

Doch ist das überhaupt notwendig? Schon heute sind die Lieferzeiten der meisten Onlinehändler extrem kurz. Gerade Amazon hat Angebote für besonders Ungeduldige: Nutzer von Amazon Prime erhalten einen Großteil ihrer Einkäufe grundsätzlich am nächsten Werktag, gegen einen Aufschlag auch vor neun Uhr morgens. Wem das noch zu lange dauert, der kann sich seit vergangenem Jahr in einigen Regionen auch noch am selben Tag beliefern lassen.

Noch kürzere Wartezeiten mögen für den Kunden praktisch sein. Doch was bedeuten sie für die Umwelt? Ersetzt eine Bestellung bei Amazon künftig die Fahrt in den Baumarkt? Oder führt die schnellere Verfügbarkeit zu mehr eigentlich unnötigen Käufen? Zu mehr LKWs auf den Straßen, zu mehr Verpackungsmüll, zu noch mieseren Arbeitsbedingungen für die Paketzusteller?

Der ökologische Sinn von Expresslieferungen hänge vor allem davon ab, welches Transportmittel zum Kunden eingesetzt wird, sagt Jens Hilgenberg, Verkehrsexperte beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). "Wenn Amazon mit Dieselfahrzeugen ausliefert, ist das schädlich für die Umwelt, da können die Fahrten noch so gut koordiniert sein." Der Naturschützer schlägt daher etwa Fahrradkuriere für die sogenannte letzte Meile vor; die können zwar keinen Flachbildfernseher transportieren, verursachen aber auch keine Abgase.

In New York, wo Amazon seinen Kunden eine kostenlose Lieferung innerhalb von zwei Stunden verspricht, hat das Unternehmen bereits alternative Transportmittel erprobt. Wenn auch eher, um die berüchtigten Staus in der Metropole zu vermeiden: Neben Fahrradfahrern und Fußgängern nutzt Amazon unter anderem die städtische Metro. Ähnliches könnte der Onlinehändler, gerade während Stoßzeiten auf den Straßen, auch in Berlin planen.