Der Chef gab sich gelassen. Volkswagen sei "viel mehr als die Krise", sagte der Vorstandsvorsitzende Matthias Müller, als er heute ein Resümee zog und die Konzernbilanz zum vergangenen Jahr vorlegte. Dem Jahr des Dieselskandals. Volkswagen sei "ein quicklebendiges Unternehmen" und das "operative Geschäft kerngesund".

Doch der Abgasskandal ist noch nicht ausgestanden. Die vom Automobilkonzern beauftragte US-Kanzlei Jones Day, die den Betrug intern aufklären soll, wird ihren Abschlussbericht wohl erst Ende dieses Jahres vorlegen. Auch im Rechtsstreit mit den Behörden in den USA ist nur eine grobe Grundsatzeinigung darüber erzielt, wie man die US-Kunden entschädigt. Details gibt VW nicht bekannt. Man habe absolute Verschwiegenheit vereinbart. Nicht von der Einigung erfasst sind mögliche hohe staatliche Strafforderungen wegen Gesetzesverstößen.

Insofern könnte das Resümee auch lauten: Alle Risiken aus der "Dieselthematik", wie der Konzern den Skandal nennt, sind noch nicht ausgeräumt. Positiv formuliert: VW ist angeschlagen, wird den Skandal aber überleben. Von einer Pleite kann nicht die Rede sein. Analysten rechnen längst nicht mehr mit den Horrorzahlen, die im Spätherbst 2015 nach Auffliegen der Dieselmotor-Manipulationen kursierten. Da wurden teils Kosten von 100 Milliarden Euro genannt.

Demgegenüber machen sich die 16,2 Milliarden Euro, die Volkswagen in der Jahresbilanz 2015 als Rückstellungen für die Aufarbeitung der "Dieselthematik" vorgesehen hat, vergleichsweise gering aus. Die Summe soll laut Müller sämtliche Belastungen aus dem Abgasskandal abdecken, die sich aus heutiger Sicht abschätzen lassen.

Zum Vergleich: Der gesamte Konzern machte im vergangenen Jahr einen Betriebsgewinn, vor Sondereinflüssen des Skandals, von 12,8 Milliarden Euro, etwas mehr als 2014. Das bedeutet zwar, dass die Rückstellungen als Folge des Abgasbetrugs den operativen Jahresgewinn mehr als aufgefressen haben – unter dem Strich, nach Steuern, steht ein Verlust von 1,4 Milliarden Euro. Doch damit besteht die Hoffnung, dass die Krise wegen des Betrugs zeitlich begrenzt bleibt.

VW kämpft an mehreren Fronten gleichzeitig

Zwar sagen Analysten voraus, dass die Bewältigung des Skandals VW noch einige Jahre beschäftigen und am Ende vielleicht eher 30 Milliarden Euro kosten dürfte. Denn es drohen auch noch Klagen von Investoren, die sich geschädigt sehen. Doch auch das kann der Konzern bewältigen. Schließlich verfügt Volkswagen über eine gut gefüllte Kasse: Die Liquidität lag zum Jahreswechsel bei 24,5 Milliarden Euro.

Insofern stimmen erst einmal Müllers Sätze von der heutigen Pressekonferenz. Dennoch kommt die finanzielle Aufarbeitung des Skandals für den Autobauer zu einer denkbar ungünstigen Zeit, aus mehreren Gründen.

Zum einen verschlechtern sich die globalen Marktbedingungen. Darum geht VW für 2016 von einem Umsatzrückgang um bis zu fünf Prozent aus; im vergangenen Jahr waren die Umsätze noch um 5,4 Prozent gestiegen. Dabei braucht die Kernmarke VW ohnehin noch einige Zeit, bis verloren gegangenes Vertrauen wiederhergestellt und der Makel eines betrügerischen Herstellers abgeschüttelt ist. Das zeigt sich in den Absatzzahlen für das erste Quartal 2016: Der Konzern als Ganzes verkaufte von Januar bis März 0,8 Prozent mehr Autos als im Vorjahreszeitraum – einziger Ausreißer unter den Marken war VW mit einem Rückgang von 1,3 Prozent.

Zum anderen steckt die gesamte Automobilbranche mitten in einem radikalen Umbruch. Die Megatrends der nächsten Jahre heißen Elektromobilität, Digitalisierung, vernetztes und autonomes Fahren. Gerade jetzt müsste VW hier kräftig investieren. Zwar sieht sich VW in einer guten Ausgangsposition für den Wandel. Tatsächlich machte der Konzern in den letzten Jahren aber eher den Eindruck, hinterherzulaufen – etwa bei Elektroautos. Hier war selbst die Premiummarke Audi weniger mutig und technisch progressiv als der Rivale BMW.

Wie die Wettbewerber muss auch Volkswagen in den kommenden Jahren noch viel Geld investieren in die technische Weiterentwicklung neuer Antriebe, digitale Vernetzung von Fahrzeugen und Technik für Autos, die sich künftig selbst lenken. Die Wolfsburger werden ihre Stellung als zweitgrößter Autohersteller der Welt auf Dauer nur behaupten, wenn sie die Autorevolution mit vorantreiben – den Anspruch dazu betonte Konzernchef Müller jedenfalls bei der Vorlage der Jahresbilanz. Die Belastungen durch die selbstverschuldete Dieselkrise schränken die Spielräume jedoch ein, Finanzchef Frank Witter kündigte eine Senkung der Investitionen an, ohne in Details zu gehen.

Doch dass Müller den Willen zu verstärkter Zusammenarbeit mit Start-ups hervorhob, spricht Bände. Auch VW hat erkannt, dass die Digitalisierung des Autos neues Know-how verlangt, über das nur Player außerhalb der Autobranche verfügen. Was das für die berufliche Zukunft der mehr als 600.000 Beschäftigten von Volkswagen bedeutet, ist offen. Der mächtige Betriebsrat wird genau hinschauen – schließlich geht in Niedersachsen angesichts des Dieselskandals und der hohen Kosten die Angst vor Jobabbau um.