Die VW-Aktionäre haben der VW-Spitze trotz des Abgasskandals und laufender Ermittlungen das Vertrauen ausgesprochen. Auf der Hauptversammlung des Volkswagen-Konzerns in Hannover erteilten die Anteilseigner am späten Abend Vorstand und Aufsichtsrat nach stundenlanger Debatte mit großer Mehrheit die Entlastung. Sowohl der amtierende Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch als auch der zurückgetretene Vorstandschef Martin Winterkorn wurden mit jeweils mehr als 97 Prozent der Stimmrechte für das vergangene Skandaljahr entlastet. Auch dem VW-Markenchef Herbert Diess sprachen die Aktionäre das Vertrauen aus.

Der VW-Großaktionär Niedersachsen verweigerte dem Konzernvorstand offenbar wegen offener Fragen in der Abgas-Affäre eine komplette Entlastung für das vergangene Jahr. Wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet enthielt sich das Land bei der Abstimmung auf der Hauptversammlung. Demnach verweigerte Niedersachsen mit seinem 20-Prozent-Anteil an Volkswagen den Vertrauensbeweis für  Winterkorn und Diess.

Aktionäre machen ihrem Ärger Luft

Vor der Abstimmung hatten Vertreter von Aktionärsgruppen ihrem Ärger über den Abgasskandal und seine Folgen Ausdruck verliehen. Die Versäumnisse der Konzernspitze hätten einen erheblichen Schaden für alle börsennotierten Unternehmen in Deutschland verursacht, sagte Hans-Christoph Hirt vom Londoner Hermes-Fonds, der nach eigenen Angaben für große Investment- und Pensionsfonds spricht. Die Investoren hinterfragten deutsche Kontrollsysteme. Er verlangte eine Reform des Aufsichtsrates

Ulrich Hocker, der Präsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, kritisierte, er habe in 20 Jahren als Redner bei VW-Hauptversammlungen solch eine Situation noch nicht erlebt. "Wir stehen vor einem Trümmerhaufen." Der Diesel-Skandal habe den Wert der Aktie um 50 Prozent fallen lassen, die Marktanteile schrumpften. Vorstand und Aufsichtsrat hätten die Abgasmanipulationen früher bemerken müssen.

Kritik traf auch den Vorstand, der trotz der ausgelösten Krise Millionenboni erhalten hatte. "Eine Belohnung für den Misserfolg" hieß es. Gerd Kuhlmeyer, Vorsitzender der Gemeinschaft der VW-Belegschaftsaktionäre äußerte sich laut HAZ "sprachlos und schockiert". Viele in der Belegschaft litten nicht nur unter dem Thema, sie hätten auch selbst das Vertrauen in das Management verloren. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) machte neben Vorstand und Aufsichtsrat auch die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers mitverantwortlich. 

Volkswagen-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch hatte auf der Hauptversammlung der Aktionäre angekündigt, dass der Aufsichtsrat "ohne Ansehen der Person" Schadensersatzansprüche gegen ehemalige und amtierende Vorstandsmitglieder prüfen will. Aufsichtsrat und Vorstand blieben jedoch bei ihrem Vorschlag, beiden Gremien trotz des Abgasskandals die Entlastung zu erteilen.

Pötsch sagte, Juristen zufolge gebe es trotz der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Marktmanipulation keine schwere Pflichtverletzung der Führungskräfte, die dagegen spräche. Bei den anwesenden etwa 3.000 Aktionären entschuldigte sich Pötsch für die Fehler des Konzerns. Wichtigste Aufgabe sei nun, nach dem Skandal das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen.

Proteste vor Tagungshalle

Die Volkswagen-Hauptversammlung sollte eigentlich im April stattfinden, wurde aber wegen der weltweit aufgeflogenen Manipulationen bei der Abgasreinigung verschoben. Vor der Tagungshalle auf dem Messegelände versammelten sich zu Beginn etwa zwei Dutzend Demonstranten. "Keine Entlastung für Umweltverbrecher! Die Verantwortlichen und Profiteure sollen zahlen", war auf einem der Transparente zu lesen.

Vertreter von kleineren Aktionären hatten angekündigt, dem Vorstand die Entlastung zu verweigern. Wenn ein Vorstand auf einer Hauptversammlung nicht entlastet wird, hat das zwar keine direkten juristischen Konsequenzen, ist aber in der Regel ein Zeichen für fehlendes Vertrauen der Aktionäre in die Manager, was sich wiederum auf Kreditgeber auswirken kann. Rechtlich hätten die Aktionäre die Möglichkeit, auch nur einzelne Vorstände zu entlasten. Eine Entlastung bedeutet jedoch keinen Verzicht auf Schadenersatzansprüche.

Ermittlungen gegen Winterkorn

Der Aufsichtsrat hatte den Aktionären trotz zahlreicher offener Fragen rund um den Abgas-Skandal empfohlen, den Vorstand zu entlasten. Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) kritisierte diese Entscheidung, die "jetzt zu einem Debakel" führen könne. "Ein eleganter Weg" wäre stattdessen gewesen, die Entlastung zu verschieben, sagte sie im Bayerischen Rundfunk.

Bergdolt verwies dabei auch auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen den früheren VW-Vorstandschef Martin Winterkorn, die am Montag bekannt geworden waren. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Winterkorn und ein weiteres damaliges Vorstandsmitglied, das sie nicht namentlich nennt, wegen des Verdachts auf Marktmanipulation. Ein Volkswagen-Sprecher sagte, dass von den Ermittlungen auch VW-Markenchef Herbert Diess betroffen sei. Einzelheiten zu den Vorwürfen seien noch nicht bekannt. Aus den bisherigen Ermittlungen von Volkswagen ergäben sich keinerlei Hinweise auf Marktmanipulationen, sagte der Sprecher.

Zügig Schadensersatzansprüche prüfen

Es geht um die Frage, ob Volkswagen Anleger früh genug über die möglichen finanziellen Risiken durch den Abgasskandal informiert hat. Auslöser der Ermittlungen war eine Strafanzeige der Finanzaufsichtsbehörde Bafin gewesen.

Bergdolt riet Volkswagen-Aktionären, zügig mögliche Schadenersatzansprüche zu prüfen. Wer vor Juli 2015 VW-Anteile gekauft habe, für den laufe "taggenau am 18. September 2016" die Frist zur Anmeldung von Ansprüchen ab. "Deshalb kann ich nur jedem Aktionär raten: Gehen Sie zu einem Anwalt, der spezialisiert ist in Bank- und Kapitalmarktrecht, um zu prüfen, ob Sie Schadenersatzansprüche geltend machen können."

Millionen Nachbesserungen genehmigt

Volkswagen hatte im September nach Ermittlungen von US-Behörden eingeräumt, weltweit in rund elf Millionen Dieselfahrzeugen eine illegale Software eingesetzt zu haben. Diese drückt den Schadstoffausstoß bei Emissionstests, auf der Straße kommt dann zum Teil ein Mehrfaches an Schadstoffen aus dem Auspuff. Dem Konzern drohen hohe Strafzahlungen und Schadenersatzforderungen; zudem muss er Rückrufe und Umrüstungen der betroffenen Autos finanzieren. Volkswagen hat bereits Investitionen zurückgestellt. Das Unternehmen machte den größten Verlust der Unternehmensgeschichte, zahlte den Mitarbeitern aber dennoch einen Bonus.

Wegen der Abgasmanipulationen muss der Konzern Millionen Fahrzeuge nachbessern. Konzernchef Matthias Müller sagte, das Kraftfahrt-Bundesamt habe die Freigabe für europaweit rund eine Million zusätzliche Fahrzeuge erteilt. Damit hätten auf dem Heimatkontinent mittlerweile mehr als 3,7 Millionen Diesel grünes Licht für die Nachbesserungen. In Europa nähert sich Volkswagen bei dem Rückruf der Marke der 50 Prozent.

Wie zuvor geht es dabei zunächst nur um die 2,0 Liter großen Varianten des manipulierten Motors EA189. Die kleineren Maschinen mit 1,2 und 1,6 Litern Hubraum sollen später im Jahr an die Reihe kommen.