Wenn man nur auf die Zahlen schaut, dann klingt es absurd: Während 2,6 Millionen Menschen hierzulande arbeitslos sind und einen Job suchen, gibt es Zigtausende Unternehmen, die insgesamt 675.000 Arbeitsplätze anzubieten haben, aber dafür keine Mitarbeiter finden. Könnte man diese Stellen alle mit bisher Arbeitslosen besetzen, würde die Zahl der Erwerbslosen bundesweit auf unter zwei Millionen sinken. Das entspräche dann einer Arbeitslosenquote von 4,6 statt sechs Prozent. Und das wäre schon ziemlich nahe dran an der Vollbeschäftigung. Aber so einfach ist es natürlich nicht.

Es gibt immer eine Lücke, die der Arbeitsmarkt nicht schließen kann, zwischen der Zahl der Arbeitslosen auf der einen Seite und den offenen Stellen auf der anderen Seite. Ökonomen nennen das den "Mismatch". Er entsteht dadurch, dass das tatsächliche Angebot an Arbeitssuchenden und die Nachfrage nach Arbeitskräften in bestimmten Bereichen manchmal eben nicht zueinander passen.

Zum Beispiel, weil die Konjunktur in bestimmten Branchen mal weniger gut läuft, etwa am Bau, wodurch mehr Bauarbeiter vorübergehend einen Job suchen, die woanders keine Verwendung finden. Oder weil sich die Struktur der Wirtschaft ändert und dadurch weniger Kräfte in der Industrie gesucht werden, aber mehr in Dienstleistungsberufen. Oder weil ein großer Maschinenbauer in Niedersachsen dicht macht, während ein Betrieb in Baden-Württemberg neue Leute sucht. "Solche Mismatches bestehen, das wissen wir aus Studien", sagt Anja Bauer vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB), "und sie sind mal mehr, mal weniger groß." Gewöhnlich macht dieses Mismatch zirka 30 Prozent der Arbeitslosenquote aus, aktuell sind es 26 Prozent.

Nun gibt es aber zwei Bereiche, bei denen Arbeitssuchende und Arbeitsplatzanbieter hierzulande besonders schwer zueinander finden, haben Arbeitsmarktforscher herausgefunden. Und das sorgt dafür, dass die Zahl der offenen Stellen in den vergangenen Jahren sogar noch größer geworden ist. Sie hat sich seit dem Jahr 2009 mehr als verdoppelt – während es gleichzeitig eine relativ große Gruppe an Arbeitslosen gibt, denen Ökonomen dauerhaft schlechte Chancen ausrechnen, jemals auf eine der offenen Stellen zu passen: Denn erstens ist die regionale Diskrepanz hierzulande recht groß und zweitens – und das ist der schwerwiegendere Grund – gibt es einen Qualifikations-Mismatch.

"Es gibt sehr viele Geringqualifizierte unter den Arbeitslosen oder Menschen, deren Ausbildung bereits sehr lange her ist oder in einem Bereich stattgefunden hat, der heute nicht mehr nachgefragt ist", sagt Ökonom Holger Schäfer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Der Bergbau ist ein klassisches Beispiel, auch Diplom-Melker braucht heute kaum noch jemand. "Es gibt einige Berufe, die der technische und gesellschaftliche Fortschritt inzwischen überholt hat", sagt Schäfer, "und zudem etliche Arbeitssuchende, die überhaupt keine Berufsausbildung haben." Die Ungelernten stellen aktuell 1,2 Millionen Arbeitslose, also fast die Hälfte. Für sie gibt es aber nur 70.000 offene Stellen.