ZEIT ONLINE: Gibt es eine Kleiderordnung bei Facebook?

García Martínez: Am Einführungstag hat jeder ein blaues T-Shirt bekommen. Die Hälfte aller männlichen Mitarbeiter trug das. Viele hatten Familienfotos rumstehen, auf denen Frau und Kinder ebenfalls die Shirts trugen. Den Frauen wurde schon am Einführungstag abgeraten, sich zu knapp zu kleiden.

ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie überhaupt zu Ihrem Job bei Facebook?

García Martínez: Ich hatte ein ziemlich heißes Start-up für Internetwerbung aufgebaut. Wir hatten ein paar der bekanntesten Investoren an Bord. Nach zehn Monaten begann Twitter, sich für uns zu interessieren. Um deren Angebot zu erhöhen, versuchte ich sie gegen Facebook auszuspielen. Die wollten dann mich. Mein Unternehmen und meine alten Partner habe ich an Twitter verkauft.

ZEIT ONLINE: Was war Ihr Einstiegsgehalt bei Facebook?

García Martínez: Nicht so hoch. 550.000 Dollar nach Steuern.

ZEIT ONLINE: Klingt doch nicht schlecht!

García Martínez: Nein, das ist im Silicon Valley gerade mal Mittelschicht. Ich bekam im Jahr 175.000 Dollar Grundlohn. Dazu gab es einmalig ein Paket von 75.000 Unternehmensanteilen, die später 38 Dollar pro Stück wert waren. Hin und wieder gab es Boni. Wichtig sind im Valley allein die Unternehmensanteile, Cash zählt nicht.

ZEIT ONLINE: Was war Ihre Aufgabe bei Facebook?

García Martínez: Die Monetarisierung. Ich sollte persönliche Daten in Geld verwandeln. Der Plan: Man versteigert Suchwörter meistbietend an Werbepartner. Es war das Jahr 2011, und Facebook musste endlich Geld verdienen.

ZEIT ONLINE: Das war Zuckerberg sicher wichtig.

García Martínez: Zuckerberg interessierte sich überhaupt nicht für Geld. Das hat er komplett an seine Vize Sheryl Sandberg übergeben.

ZEIT ONLINE: Wo standen Sie in der Hierarchie?

García Martínez: Ich war auf der mittleren Ebene, ein Produktmanager, einer von Dutzenden damals. Nach innen hin war ich nicht das höchste Tier. Wenn ich aber als Facebooker Firmen außerhalb sprechen wollte, kam im Handumdrehen deren Chef angelaufen. Die wussten, der ist nur zwei Sprünge von Zuckerberg entfernt.

ZEIT ONLINE: Kurz nach Ihrem Antritt blies Google zum Großangriff. Man wollte das soziale Netzwerk Google+ einführen.

García Martínez: Das war der totale Wahnsinn. Alle bei Facebook waren völlig überrascht. Über dem Aquarium blinkte plötzlich ein Schild aus Leuchtbuchstaben auf: Lockdown. Zuckerberg beorderte uns per Mail um 13:45 Uhr zum Aquarium, es war, als ob eine Regierung den Ausnahmezustand verhängt. Zuckerberg ist eigentlich ein schlechter Redner, aber jetzt begann er, frei zu sprechen.

ZEIT ONLINE: Was sagte er?

García Martínez: Dass es um alles oder nichts gehe. Die oder wir. Dass es jetzt doch um Qualität gehe. Es begann wie eine Lektion und endete als Schlachtrede. Langsam wurde aus unserer Verunsicherung eine Kampfstimmung. Am Ende zitierte er Cato. Er sagte: "Carthago delenda est." Also Google muss zerstört werden. Zuckerberg ist ja so ein Harvard-Bubi, er kennt die Klassiker. Facebook sieht Google als die alte Welt, als so etwas wie die Griechen. Man selber ist Rom.

ZEIT ONLINE: Was passierte dann?

García Martínez: Die Leute jubelten. Die Posterpresse wurde angeworfen. Carthago delenda est. Wir wurden angehalten, durchzuarbeiten. Sieben Tage die Woche. Unsere Familien bekamen Besuchszeiten am Wochenende. Rund um die Uhr versuchten wir, unser Produkt zu verbessern, Detailarbeit an allen Ecken und Enden.

ZEIT ONLINE: Wenn Facebook sagt, es kämpfe für eine offenere und vernetzte Welt, glauben Sie das eigentlich?

García Martínez: Ich glaube, dass sie das ernst meinen. Schauen Sie, Facebook hat eine Luftfahrtfirma gekauft, damit es via Drohnen Facebook in alle Ecken der Welt bringen kann. Bald werden Leute Facebook haben, die nicht mal ein Klo haben.

ZEIT ONLINE: Wollen wirklich alle Menschen einen Facebook-Account?