García Martínez: So oft, wie die Leute das täglich nutzen, denke ich, Facebook ist legales Crack.

ZEIT ONLINE: Darf man bei Facebook intern Facebook benutzen?

García Martínez: Die ganze Zeit. Das gilt als Arbeit. Alles ist Facebook dort. Für alles gibt es Gruppen. Außerdem gibt es ein internes Netzwerk zur Zusammenarbeit, nur für Mitarbeiter.

ZEIT ONLINE: Sie haben auch den Börsengang miterlebt, dabei wurden viele Mitarbeiter auf einen Schlag zu Millionären.

García Martínez: Da hat Zuckerberg wieder eine Rede gehalten, diesmal im Hof. 2012 war das. Noch während er sprach, waren einige hochrangige Mitarbeiter via Handy auf Immobiliensuche in San Francisco. Was mich am meisten überraschte, war, dass am nächsten Morgen um acht alle wie wild weiterarbeiteten.

ZEIT ONLINE: Dabei hätten sie eigentlich sofort aufhören können.

García Martínez: Genau, aber denen geht es nicht ums Geld, sondern um eine Mission. Schauen Sie, bei Facebook feiert man nicht seinen Geburtstag, sondern seinen Faceversary, den Jahrestag des ersten Tages bei Facebook. Da gibt es Blumen und Geschenke, die Leute gratulieren. Dann werden ständig Hackathons abgehalten. Auch an Orten, wo es gar keine Programmierer gibt. Man pflegt die Rituale. Jeden Freitag gibt es ein Q&A, alle dürfen dann die großen Führer befragen. Oft auch Zuck. Danach gibt es Drinks für alle. Aber wer kündigt, wird gelöscht. Man verschwindet aus allen internen Gruppen und Netzwerken.

ZEIT ONLINE: Wie ist Zuckerberg als Mensch?

García Martínez: Er ist ein natürliches Alphatier, der Gründer einer neuen Kirche und überhaupt nicht so ein Nerd wie im Film Social Network. Er spricht kurz und abgehackt, schnörkellos, sehr direkt. Er spricht so, wie man Codes schreibt. Auch schaut er einem nie in die Augen, weshalb er auf Pressefotos immer etwas seltsam aussieht. Jedes Jahr setzt er sich selber eine große Aufgabe, die messbar sein muss. Als ich anfing, ging er zehntausend Schritte am Tag. Das war lange bevor jeder ein Fitbit-Band trug. Letztes Jahr las er ein Buch pro Woche. Jetzt läuft er eine Meile am Tag.

ZEIT ONLINE: So hat das schon Benjamin Franklin gemacht. Jede Woche eine Aufgabe zur Charakterbildung.

García Martínez: Zuckerberg ist okay. Er führt offensichtlich eine gute Ehe, ist seit über zehn Jahren mit derselben Frau zusammen. Was mich störte, waren seine Freunde. Wir nannten sie FoZ – Friends of Zuck. Sie waren wie der Adel. Furchtbar arrogant.

ZEIT ONLINE: Was hat Zuckerberg eigentlich vor?

García Martínez: Dieses Unternehmen wird noch lange existieren. Die haben eine große Vision. Ich glaube, dass die EU zum Beispiel langfristig gegen Facebook kapitulieren muss.

ZEIT ONLINE: Warum?

García Martínez: Als die Spanier beispielsweise Google besteuern wollten, haben sie damit ihre Nachrichtenplattformen ruiniert. Vielleicht bin ich ein arroganter Amerikaner, aber ich finde es lustig, dass die Europäer das Internet regulieren wollen, ohne selber eine einzige globale Internetplattform hervorgebracht zu haben. Sie sollten sich eher darauf konzentrieren.

ZEIT ONLINE: Kommt bestimmt. Berlin ist ja jetzt auch ein Silicon Valley.

García Martínez: Berlin ist wirklich hübsch! Ich hab da drei Monate gelebt und im Betahaus an meinem Buch geschrieben. Dort hab ich viele supertalentierte Leute gesehen und verstanden, warum das Silicon Valley nicht kopiert werden kann. In Berlin fehlt es wie in allen anderen Möchtegernvalleys erstens an Geld, um ein Start-up aufzubauen, und zweitens an Geld, um ein Start-up aufzukaufen. In den USA finanzieren die, die in der ersten dotcom-Welle Geld gemacht haben, die Start-ups. Und nachher werden die dann von großen Unternehmen teuer eingekauft. Wann hat die deutsche Telekom zuletzt ein Drei-Leute-Start-up eingekauft, so wie mich damals Facebook reinholte?