Eben noch waren sie nur Vermieter. Jetzt sind sie Teil einer Bewegung. "Ihr seid die Gilden des 21. Jahrhunderts", sagt Chris Lehane zu den etwa 30 anwesenden Airbnb-Gastgebern. Und deshalb lohne es sich, in Berlin-Mitte einen Homesharing Club zu gründen – einen weiteren von weltweit bald hundert. Der 49-Jährige US-Amerikaner ist profilierter Politikberater und seit einem Jahr der globale Kommunikationschef von Airbnb. In den neunziger Jahren hatte er Bill Clinton erfolgreich durch die Lewinsky-Affäre manövriert. Nicht nur deshalb gilt er vielen als der "master of disaster".

Wegen eines drohenden Desasters für das amerikanische Unternehmen spricht er in diesem Herbst vor Berliner Homesharern. Denn die Berliner Regierung bedroht mit harten Restriktionen das Geschäftsmodell von Airbnb – Geld zu verdienen mit dem kurzzeitigen Vermitteln von Wohnungen. Der Vorwurf vieler Städte: Plattformen wie Airbnb verschärften Gentrifizierung, Wohnraummangel und Mietenexplosion. Der weltweite Marktführer aber wehrt sich mit enormem Aufwand gegen diese Angriffe. Airbnbs neueste Methode: einen Teil seiner Kunden für sich kämpfen zu lassen – mit Bürgerinitiativen im Graswurzeldesign.

Berlin rückt ins Zentrum der Aktionen

Als einer der wichtigsten Standorte weltweit ist Berlin seit Juni Teil dieser Kampagne – zuerst gründete sich der Berliner Homesharing Club. In den letzten Wochen starteten dann weitere Clubs in den Bezirken Pankow, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln. Für den Bezirk in Mitte nahm Chris Lehane sich persönlich Zeit. An Tischen aus Holzpaletten sitzen die Airbnb-Hosts in einem der oberen Stockwerke eines Industrielofts. Es gibt Bier, Wein und Kürbiscremesuppe – alles gesponsert von Airbnb. Ein Kamerateam dreht einen Imagefilm.

Chris Lehane sagt, ganz wie sich in mittelalterlichen Städten einst Bäcker, Maurer oder Schneider zu Zünften zusammengeschlossen hätten, würden sich nun immer mehr Homesharer organisieren. Sie seien "Micro-Entrepreneure", eine neue Generation, für die Sharing ganz selbstverständlich zum Alltag gehöre. Wie bei Berufsverbänden sei das Ziel der inzwischen fast 100 Homesharing Clubs weltweit, die gemeinsamen Interessen gegenüber den jeweiligen Städten zu vertreten. Nach Angaben von Airbnb arbeiten die Clubs alle unabhängig, werden aber ideell wie finanziell von Airbnb und dessen sogenannten Airbnb Host Movement unterstützt.

Lehane und Airbnb sehen es nicht als Kampf gegen die Städte, im Gegenteil, es gehe um Dialog, um Erklären und um Zusammenarbeit. Das Konzept von Airbnb sei ein gutes, manche hätten das noch nicht verstanden, sagt Lehane. Er meint damit nicht nur Politiker, sondern auch die Hotelindustrie. Er sagt: "Wir demokratisieren den Kapitalismus. Wir demokratisieren den Tourismus. Wir demokratisieren die Umsätze."

Droht der Airbnb-Tod ausgerechnet in Berlin?

Tatsächlich sitzen vor Chris Lehane Menschen, für die Homesharing längst zum Leben gehört und die mit Airbnb gemeinsam Geld verdienen wollen: Studentinnen und Studenten, aber auch Familienväter, Künstler und Architekten. Sie alle möchten auch weiterhin ihre Wohnungen privat vermieten dürfen. Auch Millionen von Nutzern weltweit haben ein prinzipielles Interesse am Fortbestand des Homesharing. Sie möchten lieber in Privatwohnungen als in Hotels übernachten.

In Berlin ist das aber nur noch stark eingeschränkt erlaubt. Seit Mai dieses Jahres gilt das Zweckentfremdungsverbot. Wer mehr als 50 Prozent der Fläche seiner Wohnung unter sechs Monaten vermietet, riskiert Bußgelder von bis zu 100.000 Euro. Es ist ein Gesetz, das kommerzielle Anbieter daran hindern soll, dem angespannten Mietmarkt Wohnungen zu entziehen. Aber die Regulierung trifft auch jene, die ihre selbst bewohnte Wohnung nur während der eigenen Urlaubszeit vermieten wollen, um etwas dazuzuverdienen. Droht ausgerechnet in der Start-up-Stadt Berlin nun der Tod einer beliebten Start-up-Idee?

Das Gesetz trifft alle

Der neue grüne Bürgermeister von Berlin-Mitte, Stephan von Dassel, sagte kurz vor seiner Wahl im Gespräch mit ZEIT ONLINE: "Ich gebe offen zu, dass wir einen gewissen Kollateralschaden angerichtet haben." Er sei aber der Meinung, dass es ein hartes Gesetz brauche. Anschließend könnten die Bezirksämter immer noch nach Ermessen entscheiden. Ob es eine Novellierung geben wird? Bei den Koalitionsverhandlungen zwischen Linken, Grünen und der SPD sei das durchaus ein Thema. "Aber das ist nicht einfach. Wenn wir jetzt lockern und dadurch neue Schlupflöcher entstehen, dann haben wir nichts gewonnen", sagte von Dassel.

Es sind Antworten wie diese, die viele Airbnb-Hosts verunsichern, aber auch hoffen lassen. Sebastian Olényi hat den Homesharing Club Berlin mithilfe von Airbnb ins Leben gerufen. Auch er will wieder seine komplette Wohnung über Airbnb vermieten dürfen, weil er häufig seine Tochter in der Schweiz besucht. Seit Juni schreiben er und seine Mitstreiter Briefe und E-Mails an Stadträte, besuchen Bürgersprechstunden von Lokalpolitikern. Sie wollen Druck aufbauen: "Wie oft haben wir den Satz gehört: Leute wie Sie haben wir mit dem Gesetz eigentlich gar nicht gemeint.’" Selbst der Regierende Bürgermeister Michael Müller habe das zugegeben. Mancher Politiker empfehle sogar, das Gesetz zu ignorieren, so lange der Haupt- oder Zweitwohnsitz in der Wohnung liegt. Dauer und Umfang der Vermietung seien sowieso so gut wie nicht zu kontrollieren. Olényi kann das nicht verstehen: "Zuerst alle kriminalisieren und dann am Gesetz vorbei die Augen zudrücken? Homesharer sind erst mal der Willkür der Auslegung der Bezirksämter ausgesetzt." In Hamburg gehe es doch auch, sagt er. "Dort dürfen Privatpersonen bis zu 180 Tage pro Jahr ihre Wohnung anbieten, wenn diese ihr Hauptwohnsitz ist." Berlin hingegen schaffe eine anonyme Denunziationsplattform im Internet. "Politiker rufen Bürger zum Spitzeln auf", sagt er.

Nicht nur Berlin, auch andere Städte weltweit beschließen Gesetze, um die Vermietung von Wohnungen über Airbnb und anderen Homesharing-Anbieter zu regulieren. Zuletzt kündigte New York an, Appartement-Vermietungen unter 30 Tagen komplett zu verbieten. Im Zeitalter der Verstädterung lautet die urbane Gretchenfrage immer häufiger: Nun sag, wie hast du's mit der Restriktion?

Chris Lehane war Clinton-Berater, ist jetzt PR-Chef von Airbnb. © Larry Busacca/Getty Images

Wegen der vielen unterschiedlichen kommunalen Gesetze in mittlerweile 34.000 Städten bräuchte das Unternehmen eigentlich auch 34.000 Mal einen Christopher Lehane: gut im Vernetzen mit Politikern, gut im Lösen von Krisen, gut im Erzählen von Geschichten. Das Problem: Es sind zu viele Geschichten. Während sich Tokio wegen fallender Immobilienpreise mehr kommerzielle Vermieter auf Zeit wünscht, wollen Berlin, New York oder San Francisco die Angebote so weit wie möglich verbieten. Amsterdam und Hamburg habe moderatere Regelungen, sind aber auch nicht zufrieden mit ihrer Lösung.

Die Lobby-Strategien

Lehane und seine Mitstreiter sprechen viel mit Politikern, versuchen Journalisten von ihrer Sicht zu überzeugen. In Berlin beauftragte Airbnb das Gewos Institut für Stadt-, Regional- und Wohnforschung mit einer Untersuchung. Die Forscher konstatierten, dass "die Anbieter zum weitaus überwiegenden Teil keine professionellen Vermieter sind, sondern in der Regel Privatpersonen, die ihre Wohnung oder Zimmer nur zeitweise zahlenden Gästen überlassen." Das zeige sich auch an den durchschnittlichen Einnahmen eines typischen Gastgebers von 2.520 Euro im Jahr. In der Studie war auch zu lesen, dass Airbnb sogar helfe, die steigenden Mieten abzufedern. Eine zeitweise Vermietung eröffne "vielen Haushalten die Möglichkeit, ein zusätzliches Einkommen zu erzielen und ihre Wohnung halten zu können".

Ein Punkt, der allerdings auch umgekehrt gesehen werden kann: Wer weiß, dass er seine Miete durch zeitweises Untervermieten kompensieren kann, ist auch bereit, höhere Mieten zu zahlen und fördert damit die Explosion von Mieten und Immobilienpreisen. In einer Untersuchung vom April dieses Jahres stellte die niederländisch Bank ING diesen Effekt für Amsterdam fest. Und es gibt auch Vermieter, die eine ganze Reihe von Wohnungen anbieten, also Geschäftsleute sind, keine Privatleute, die sich etwas dazu verdienen wollen.

Die eigenen Kunden organisieren den Protest

Die Berliner Regierung betont, dass Homesharing nach wie vor erlaubt sei, also der Tausch von Wohnungen und das Vermieten von Teilen der Wohnung. Nur kommerzielle Vermieter wolle man ausschließen. Airbnb-Deutschland-Chef Alexander Schwarz hingegen sagt: "Berlin benötigt klare Regeln für Homesharing, die es Berlinerinnen und Berlinern ermöglichen, ihr Zuhause zeitweise an Gäste zu vermieten." Denn solches Homesharing entziehe dem Wohnungsmarkt keinen Wohnraum. 

Das reicht aber offenbar nicht aus. Denn obwohl Politiker hinter vorgehaltener Hand andeuten, dass Juristen an einer Novellierung des strengen Gesetzes feilen würden – passiert ist bislang nichts. Dem Global Player im Global Village drohen Geschäftsverluste wegen der globalen Kleinstaaterei. Für Airbnb, das zwar eben erst ein 850-Millionen-Dollar-Investment von Google Capital erhalten hat, zählt Wachstum. Stillstand wie in Berlin und nun auch New York City will sich das Unternehmen nicht leisten. Schon schreiben erste Analysten, Investoren könnten wegen der gesetzlichen Probleme in den Metropolen abgeschreckt, ein Börsengang unrealistisch werden.

Astroturfing als Lobbystrategie

Airbnb will deshalb gerade in Berlin weitere Clubs gründen lassen, um den Druck zu erhöhen. Sebastian Olényi vom Homesharing Club Berlin sagt: "Die Idee kam von uns." Das Unternehmen macht aber keinen Hehl daraus, dass es die Clubs sponsort. In Berlin finanzierte die Plattform beispielsweise das Catering, die Miete der Location für Treffen und die Produktion des Imagefilmes.

Dass sich das Unternehmen damit dem Vorwurf des sogenannten Astroturfings aussetzt, scheint es in Kauf zu nehmen. Astroturf – so der Markenname eines US-Kunstrasenherstellers – soll verdeutlichen, dass es sich bei Konstrukten wie den Homesharing Clubs eben nicht um echte Graswurzelbewegungen handelt, sondern um künstlich herbeigeführte oder zumindest gepushte Bürgerbewegungen.

Diese Art der Lobbystrategie von Airbnb als Missbrauch seiner Gastgeber-Kunden zu bezeichnen, die ohnehin schon drei Prozent ihrer Einnahmen an Airbnb abgeben müssen, greift allerdings zu kurz. Beim Modell von Airbnb bilden Gastgeber und Plattform zwangsläufig eine Schicksalsgemeinschaft, die zumindest im Bereich der städtischen Regulierungen an einem Strang zieht. Die Hosts wollen weiter vermieten, Airbnb will weiter Provisionen kassieren und die Gäste wollen weiter buchen können. Eine Win-win-Situation zumindest für alle, die Airbnb nutzen.

Was genau ist kommerziell?

Chris Lehane spricht von einer neuen Generation von Menschen, die etwas dazuverdienen wollen. Er nennt sie "Micro-Entrepreneurs", einer neuen Art von Nebenjobbern. Sie sind schwer zu fassen. Denn natürlich arbeiten auch sie kommerziell, aber eben nur mikrokommerziell. Gegen das Geldverdienen habe die Städte prinzipiell nichts, solange die Einnahmen versteuert werden und über Airbnb wie in vielen Städten inzwischen eine Übernachtungstaxe abgeführt wird. Die Schwierigkeit für die Städte aber ist, zu unterscheiden, wer das System tatsächlich zu Ungunsten des Wohnungsmarkts missbraucht. Dazu würden sie gern die personenbezogenen Daten von Airbnb abgreifen. Das Unternehmen aber beruft sich auf die EU-Datenschutzrichtlinie.

In San Francisco war Airbnb mit einem Homesharing Club 2015 bereits erfolgreich. Die Stadt wollte das Untervermieten kompletter Wohnungen von 90 Tagen im Jahr auf 75 Tage begrenzen. In einem Volksentscheid lehnten schließlich 55 Prozent der Wähler die Begrenzung ab – ein Sieg für Airbnb. Das Unternehmen hatte 8,4 Millionen Euro in die Kampagne gesteckt. Wie viel Geld das Unternehmen insgesamt in seine neue Art der Lobbyarbeit und in die Clubs investieren will, sagt das Unternehmen nicht. Lehane sagte nur: "Wir werden so viel ausgeben, wie nötig sein wird, um erfolgreich zu sein."