"Ich hoffe euer 'krankes' und egoistisches Personal wird als Erstes gekündigt", schreibt ein Nutzer auf der Facebook-Seite von TUIfly. Es ist nur einer von vielen wütenden Kundenkommentaren, die sich mal gegen die Beschäftigen von TUIfly und mal gegen den TUI-Konzern selbst richten. Wegen zahlreicher Krankmeldungen von Crewmitgliedern hat TUIfly am Donnerstag trotz "18 zusätzlich gecharterter Flugzeuge anderer Airlines" von 110 vorgesehenen Flügen 63 Flüge ersatzlos gestrichen. Am Freitag strich der Ferienflieger deshalb sogar fast alle Flüge.

Während ein Teil der Belegschaft sich krankmeldet, werben andere Mitarbeiter ausgerechnet dort, wo sie zugleich beschimpft werden, auf der TUIfly-Facebook-Seite, für Verständnis und Solidarität. Unter dem Motto "Wir sind TUIfly und wollen es auch bleiben!", posten Mitarbeiter Fotos ihrer Kinder in Pilotenuniformen, Selfies aus dem Cockpit, selbst Kollegen der Lufthansa-Tochter Eurowings erklären sich solidarisch. Die Social-Media-Moderatoren von TUIfly hingegen bleiben stumm. Selbst auf Fragen verunsicherter Kunden angesichts der aktuellen Flugausfälle geben sie keine Antwort.

Was auf Facebook digital aufeinanderprallt, steht für eine analoge Realität teils sehr unterschiedlicher Interessen von Kunden, Mitarbeitern und von der TUI-Konzernführung. Wie konnte es zu dieser Ausnahmesituation kommen?

In welcher Situation befinden sich die Kunden?

Neben Sicherheit und Pünktlichkeit, ist es für immer mehr Kunden wichtig, besonders günstig zu reisen. Sie sind damit letztlich nicht das einzige, aber dennoch ausreichend große Rädchen im weltweiten Preiskampfgetriebe der Airlines. Je günstiger Flüge und Reisen allerdings angeboten werden, desto eher muss an anderer Stelle gespart werden, zum Beispiel bei guten Tarifverträgen für das Personal. Trotz der günstigen Angebote haben Kunden im Zweifel lange dafür gearbeitet, sich einen Urlaub leisten zu können. Sie müssen im aktuellen TUIfly-Fall nicht nur Ärger, Stress und Unsicherheit wegen annullierter Flüge erdulden. In der Folge drohen ihre kompletten Urlaubsplanungen samt Hotel-, Mietwagen- oder Ausflugsbuchungen zu platzen. Das Ganze zudem bei unsicherer Rechtslage, denn ähnlich wie bei Streiks stehen Fluggästen bei plötzlichen Krankheiten von Crewmitgliedern nicht per se Entschädigungen zu. Bei Streiks müssen Airlines wenigstens für Ersatzflüge sorgen. In Fällen von plötzlichen Massencrewerkrankungen, wie sie bei TUIfly derzeit geschehen, gibt es keine klare gesetzliche Regelung. Gerichte haben dazu bislang nichts in der letzten Instanz entschieden.

Viele Airlines berufen sich bei plötzlichen Erkrankungen von Piloten zum Beispiel darauf, dass ein "außergewöhnlicher Umstand" vorliege. Ähnlich wie bei schlechtem Wetter wäre damit nicht die Airline, sondern höhere Gewalt verantwortlich. Auch TUIfly bestätigt dies auf Nachfrage: "Die massenhaften und äußerst kurzfristigen Krankmeldungen sind ein außergewöhnlicher und nicht vermeidbarer Umstand im Sinne von höherer Gewalt." Aus diesem Grund hätten die betroffenen Reise- und Luftbeförderungsverträge gekündigt werden müssen. "Entschädigungs- bzw. Schadensersatzansprüche der Kunden entstehen daraus nicht", schreibt das Unternehmen.

Immerhin haben in solchen Einzelfällen Landgerichte wie das LG Düsseldorf 2014 entschieden, dass eine Airline auch für den plötzlichen krankheitsbedingten Ausfall ihrer Piloten haften muss. Ob Gerichte bei inoffiziellen, streikartigen Massenerkrankungen ebenfalls das Unternehmen verantwortlich machen würden, ist aber zumindest fraglich.

Was können Kunden jetzt tun?

Im aktuellen Fall teilt TUIfly lediglich mit: "Die extrem kurzfristigen Krankmeldungen des Cockpit- und Kabinenpersonals machen es TUIfly unmöglich, alle betroffenen Kunden frühzeitig zu informieren und ihnen alternative Reisemöglichkeiten anzubieten." Kunden können dennoch versuchen, über eine kostenfreie Servicehotline unter 0800 9006090 weitere Informationen zu erhalten, oder die Website www.tuifly.com besuchen. Bei Unklarheiten sollten sich Betroffene in jedem Fall an die Verbraucherzentralen in den jeweiligen Bundesländern wenden. Das Verbrauchermagazin Finanztip bietet einen Onlinerechner an, mit dessen Hilfe man seine Ansprüche prüfen kann. Auch die Stiftung Warentest gibt weitere Tipps auf ihrer Website.

Warum melden sich so viele Mitarbeiter von TUIfly krank?

Die Gewerkschaften befinden sich momentan wegen ausgehandelter Verträge mit TUIfly in der Friedenspflicht, dürfen also nicht streiken. Es darf angesichts des Zeitpunktes und der Anzahl der Fälle von Krankmeldungen zumindest vermutet werden, dass dahinter eine Form des Protests gegen die Unternehmenspolitik von TUI steckt. Solche Aktionen bezeichnen Arbeitsrechtler als "wilden Streik", gegen den Arbeitgeber quasi machtlos sind. Die Gewerkschaften distanzieren sich offiziell von solchen Maßnahmen. Nicoley Baublies, Sprecher der Unabhängige Flugbegleiter Organisation (Ufo) erklärt die Situation anders: "Die Art und Weise, wie das Unternehmen mit seinen Mitarbeitern kommuniziert, ist miserabel. Wer derart im Unklaren über seine berufliche Zukunft gelassen wird, kann schnell psychische Probleme bekommen." Ob abgesprochen oder nicht, die vielen Krankmeldungen von Crewmitgliedern können als deutliches Signal an die Unternehmensleitung von TUIfly verstanden werden, dass die Belegschaft den geäußerten Zukunftsplänen des Unternehmens heftig misstraut.

Kann TUIfly etwas gegen die Krankmeldungen unternehmen?

Zweifelt TUIfly die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung seiner Mitarbeiter an, könnte das Unternehmen als Arbeitgeber die Krankenkasse der jeweiligen Mitarbeiter tatsächlich um Unterstützung bitten. Die könnte dann den Medizinischen Dienst beauftragen, die jeweiligen Mitarbeiter untersuchen zu lassen. Nicoley Baublies von Ufo sagt: "Die meisten Airlines fordern erst ab dem vierten Tag eine Krankschreibung von ihren Crewmitgliedern." Hintergrund ist, dass das Arbeiten im Flugzeug als besonders sensibel gilt. Das Personal, insbesondere Piloten, sind dazu angehalten selbst mitzuteilen, wenn sie sich "unfit to fly" fühlen. "Die Crewmitglieder müssen in jeder Situation in der Lage sein, notzulanden oder zu evakuieren." Es ist zumindest fraglich, ob TUIfly öffentlich die Krankmeldungen seiner Mitarbeiter anzweifeln wird. Der bislang bereits entstandene Imageschaden könnte im Falle einer Niederlage bei einem etwaigen Rechtsstreit noch schlimmer werden.