Für Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) ist es ein Erfolg. "15.000 Verkäuferinnen, Fleischer, Lagerarbeiter, Fahrer, Verwaltungsmitarbeiter und alle anderen Mitarbeiter von Kaiser's Tengelmann können Weihnachten ohne Angst um ihren Arbeitsplatz feiern", erklärte er vor den Medien. Sieben Jahre lang seien die Arbeitsplätze garantiert. "Ich bin sehr froh."

Dem Minister und dem Gewerkschaftsvorsitzenden Frank Bsirske stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Nach einer jahrelangen Hängepartie um die Zukunft von Kaiser's Tengelmann könnte die gestrige Einigung nun tatsächlich den Durchbruch bedeuten. Dann wären die Jobs zumindest vorerst gesichert. Ganz ausgestanden ist die Sache jedoch noch nicht. ZEIT ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen.

Übernimmt Edeka Kaiser's Tengelmann jetzt definitiv?

Das kommt auf Edekas größten Konkurrenten Rewe an, aber es sieht ganz danach aus. Ebenso wie die Ketten Markant und Norma hatte Rewe gegen Gabriels umstrittene Ministererlaubnis für Edeka beim Oberlandesgericht Düsseldorf Beschwerde eingelegt. Daraufhin stoppte das Gericht den Zusammenschluss in einem Eilverfahren. Markant und Norma zogen ihre Beschwerde allerdings später zurück.

Wenn jetzt auch Rewe wie angekündigt bis zum 11. November seine Klage zurückzieht, greift die Ministererlaubnis für Edeka wieder. Edeka hat dann freie Bahn – auch das Bundeskartellamt kann nicht mehr dazwischenfunken – und darf die Filialen unter Auflagen wie Jobgarantien übernehmen. Rewe macht das aber nur für eine Gegenleistung – einen "Interessenausgleich", wie es nach der Einigung im Schlichtungsverfahren hieß. Über die finanziellen Einzelheiten entscheiden nun Wirtschaftsprüfer, und über die weiteren Details wurde Stillschweigen vereinbart.

Im Gespräch ist, dass Rewe einen Teil der Kaiser's-Tengelmann-Filialen in Berlin übernimmt. Dem müsste das Bundeskartellamt allerdings noch zustimmen, da die Ministererlaubnis nur für Edeka gilt. Es prüft dann die Wettbewerbssituation auf "Mikroebene", also in den einzelnen Stadtteilen, wie es Justus Haucap, Professor an der Uni Düsseldorf, ausdrückt. Er hat im Auftrag von Tengelmann ein Gutachten über die Wettbewerbseffekte einer etwaigen Fusion mit Edeka erstellt. Da Rewe in manchen Berliner Stadtteilen wie Prenzlauer Berg und Grunewald bereits der stärkste Anbieter ist, liegt es nahe, dass das Kartellamt hier Nein sagt, erklärt Daniel Zimmer, Professor für Wirtschaftsrecht in Bonn, der aus Protest gegen Gabriels Ministererlaubnis als Chef der Monopolkommission zurückgetreten war.

Die Kaiser's-Tengelmann-Märkte in Bayern dagegen sollen wohl an Edeka gehen. Was mit den Filialen in Nordrhein-Westfalen geschieht, ist noch unklar. Dort hat Kaiser's Tengelmann die meisten Supermärkte – und Edeka ist dort bereits sehr stark. Haucap sagt, wenn Edeka auch dort die Kaiser's-Tengelmann-Filialen übernimmt, könne es in einzelnen Stadtteilen durchaus zu einer marktbeherrschenden Stellung von Edeka kommen – wegen der Ministererlaubnis hat das Kartellamt hier aber nichts mehr zu melden.

Wie sicher sind die Arbeitsplätze wirklich?

Gabriel hatte die Arbeitsplatzgarantie zur Auflage für seine Ministererlaubnis gemacht, außerdem soll in den Filialen, die nun den Besitzer wechseln, weiterhin der Tarif gelten. Die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten dürfen sich also nicht wesentlich verschlechtern, selbst wenn ihr Arbeitgeber bald ein anderer ist.

Auf mittel- bis langfristige Sicht befürchtet Ex-Monopolkommissionschef Zimmer allerdings Jobverluste. Denn die Ministererlaubnis verpflichtet Edeka, die hinzugekauften Kaiser's-Tengelmann-Filialen zu erhalten. Eine Aussage über bereits bestehende Edeka-Filialen trifft die Erlaubnis aber nicht. Wenn sich Doppelstrukturen nicht lohnen, könnten dann ebendiese geschlossen werden und deren Mitarbeiter gehen müssen. Zimmer kritisiert: "Da waren dem Wirtschaftsminister die Arbeitsplätze der Kaiser's-Tengelmann-Mitarbeiter wichtiger als die der Edeka-Mitarbeiter."

Das sieht Haucap weniger problematisch. Er vermutet eher, dass Mitarbeiter versetzt werden, sollten Filialen geschlossen werden. Denn betriebsbedingte Kündigungen seien in insgesamt profitablen Unternehmen nicht ohne Weiteres möglich. Aber bei den Sieben-Jahres-Garantien für die Kaiser's-Tengelmann-Mitarbeiter ist auch er skeptisch. Für diese lange Zeit "würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen", sagt Haucap.

Auch Jörg Funder, Professor und Handelsexperte an der Hochschule Worms, sagt: "Sicher ist da noch gar nichts. Die Begeisterung über den Interessenausgleich kann ich so nicht teilen."

Und was ist mit den Kaiser's-Tengelmann-Mitarbeitern von Marketing und Logistik?

Für sie sieht Haucap auf mittlere Frist "schwarz". Die Kaiser's-Tengelmann-Zentrale in Mülheim werde wohl geschlossen, erwartet er. Andererseits seien dort Fachkräfte beschäftigt, die keine dauerhaften Arbeitsplatzsorgen haben müssten wie seinerzeit die "Schlecker-Frauen".