ZEIT ONLINE: Herr Veracruz, was mögen Sie nicht an Airbnb?

Sito Veracruz: Die Frage ist falsch – ich mag Airbnb. Ich glaube, dass Airbnb eine Chance für die Städte sein kann, wenn das Unternehmen sich an bestimmte Regeln hält. Aber genau das tut es nicht. In Barcelona zum Beispiel: Dort ist es Airbnb verboten, Angebote ohne Lizenznummer zu veröffentlichen. Aber sie machen es einfach. In Barcelona gibt es zig solcher hotelartigen Apartments.

ZEIT ONLINE: Wie reisen Sie denn selbst?

Veracruz: Ich steige auch in solchen Apartments ab. Das gefällt mir besser als im Hotel. Aber die Unterkünfte sollten als Bed and Breakfast, Hotel oder Ferienapartment registriert sein, und die Städte brauchen bestimmte Schutzzonen. Ich bin selbst ein Urbanist, ein Stadtforscher. Es darf nicht sein, dass ein komplettes Stadtzentrum aussieht wie ein Bürokomplex von Google.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das? Airbnb baut doch keine Bürokomplexe.

Veracruz: Es geht mir darum, dass es in den Stadtzentren eine Mischung verschiedener Nutzungsformen geben muss. Wir dürfen nicht zulassen, dass dort alle Gebäude plötzlich zu Airbnbs werden. Das hat mit der ursprünglichen Idee des Teilens nichts zu tun, und es macht letztlich auch das Versprechen von Airbnb zunichte: Wohnen wie zu Hause. Das ist ein Problem der gesamten On-Demand-Economy. Überall sehen wir falsche Konzepte, falsche Versprechungen und Missverständnisse zwischen Unternehmen, Verbrauchern und den staatlichen Institutionen. In den nächsten Jahren wird der Druck immer weiter zunehmen, diese Probleme zu lösen.

ZEIT ONLINE: Sie arbeiten in Amsterdam an einem Projekt, das eine sozial verträgliche Variante von Airbnb schaffen soll. Wie muss man sich das vorstellen?

Veracruz: Wir nennen es Fairbnb. Ich sehe es eher als internationale Bewegung. In Amsterdam haben wir vor einem halben Jahr begonnen, aber inzwischen arbeiten wir auch mit Aktivisten in Barcelona und Venedig zusammen. In Berlin haben wir unser Konzept im Dezember ebenfalls vorgestellt. Wir wollen eine eigene Plattform aufbauen, die als Kooperative funktioniert und eng mit den städtischen Verwaltungen zusammenarbeitet.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von einem Verbot von Airbnb?

Veracruz: Der Weg Berlins, fast alles zu verbieten, wird nicht funktionieren. Dafür ist die Idee zu groß. Homesharing ist so nützlich für viele Menschen, für Gäste wie für Gastgeber. Ein Komplettverbot für das gesamte Stadtgebiet hat deshalb keinen Sinn – viel besser wäre, strengere Regeln aufzustellen, an die Airbnb sich halten muss.

ZEIT ONLINE: Die Stadt Amsterdam stellt Regeln auf, aber die sind relativ moderat …

Veracruz: Es gehört zum liberalen Selbstverständnis der Stadt und auch der Niederlande insgesamt, möglichst wenig zu verbieten. Wir fordern eine bessere Regulierung – vor allem aber muss sie verlässlich durchgesetzt werden.

ZEIT ONLINE: Was läuft denn falsch in Amsterdam?

Veracruz: Wohnraum ist dort knapp. Studenten und Menschen mit durchschnittlichem Einkommen finden kaum Zimmer, bezahlbare Wohnungen erst recht nicht. 41 Prozent der kompletten Apartments, die auf Airbnb gelistet sind, werden an mehr als 150 Tagen im Jahr vermietet. Gesetzlich sind aber maximal 60 Tage pro Jahr erlaubt. Zwar will Airbnb jetzt Inserate löschen, in denen die 60-Tage-Grenze überschritten wird; aber die Kontrollen werden nicht funktionieren.

ZEIT ONLINE: Airbnb sammelt in Amsterdam von seinen Nutzern eine Touristensteuer ein. Kann die Stadt so nicht eindeutig zuordnen, wer Wohnungen wie lange über Airbnb vermietet?

Veracruz: Airbnb überweist der Stadt einen Gesamtbetrag – im vergangenen Jahr waren es fünf Millionen Euro – aus dem Sie keine Rückschlüsse auf einzelne Vermieter ziehen können.