Ein millionenschweres Aktiengeschäft aus dem Dezember 2015 bringt den Chef der Deutschen Börse in Bedrängnis. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main ermittelt gegen den Vorstandsvorsitzenden Carsten Kengeter, wie das Unternehmen mitteilte. Dem Manager wird vorgeworfen, schon vor dem Kauf von Anteilsscheinen der Deutschen Börse die Fusion mit der Londoner Börse LSE angebahnt zu haben. Wegen des Verdachts auf Insiderhandel wurden das Büro und die Frankfurter Wohnung des Börsenchefs am Mittwoch durchsucht.

Der 49-jährige Manager hatte Mitte Dezember 2015 für 4,5 Millionen Euro Deutsche-Börse-Anteilsscheine erworben – zwei Monate später wurde der geplante Zusammenschluss der Börse mit der LSE bekannt, und der Aktienkurs stieg deutlich. Die Staatsanwälte sehen darin ein mögliches Insidergeschäft. Der Aufsichtsratschef der Deutschen Börse, Joachim Faber, wies die Anschuldigungen in einer Mitteilung scharf zurück: "Die Vorwürfe sind haltlos." Kengeter und das Unternehmen kooperierten "in vollem Umfang" mit der Staatsanwaltschaft, hieß es.

Die Staatsanwaltschaft teilte mit, die Leitungsebenen der Deutschen Börse und der LSE hätten bereits seit Juli/August 2015 Gespräche über eine mögliche Fusion und den möglichen Sitz einer gemeinsamen Holding geführt. "Dem Beschuldigten wird zur Last gelegt, Mitte Dezember 2015 in Kenntnis dieser bis dato nicht veröffentlichten Vertragsgespräche, welche die Staatsanwaltschaft als Insiderinformation (...) wertet, Aktien der Deutsche Börse AG erworben zu haben." Es handele sich um einen Anfangsverdacht. Den Namen Kengeters nannte die Staatsanwaltschaft wie bei Ermittlungen üblich nicht.

Aufsichtsratschef Faber erläuterte, Kengeter habe den Aktienkauf "im Rahmen eines Vergütungsprogramms vorgenommen, das der Aufsichtsrat beschlossen hat und bis Ende Dezember 2015 befristet war". Deutsche Börse und LSE hätten sich aber "erst in der zweiten Januarhälfte" geeinigt, über einen Zusammenschluss zu verhandeln. Kengeter stieß erst im April 2015 zur Deutschen Börse und übernahm zwei Monate später die Konzernführung. Mit dem Vergütungsprogramm wollte der Aufsichtsrat einem Insider zufolge Kengeter langfristig an das Unternehmen binden.

Deutsche Börse und LSE wollen einen europäischen Börsenriesen bilden. Die Aktionäre beider Unternehmen haben sich mit großer Mehrheit für den gut 25 Milliarden Euro schweren Deal ausgesprochen, die Zustimmungen der EU-Wettbewerbshüter und der hessischen Börsenaufsicht stehen noch aus. Letztere hat große Bedenken gegen die Fusion. In Frankfurt sorgt zudem für Kritik, dass der rechtliche Sitz der Dachgesellschaft in London sein soll – insbesondere, seit die Briten den EU-Austritt ihres Landes vorbereiten.