Zementkonzern soll "Islamischem Staat" Geld gezahlt haben – Seite 1

Wer den Sitz von LafargeHolcim an der Hagenholzstrasse in Zürich betritt, erhält von der netten Empfangsdame als Erstes einen Security-Flyer in die Hand gedrückt. Ja, der Zementkonzern, vor zwei Jahren aus einer Fusion der französischen Lafarge und der Schweizer Holcim entstanden, ist stolz auf seine Sicherheits-Kultur. Helm auf, beide Hände ans Treppengeländer.

Da passt so gar nicht ins Bild, was von 2013 bis 2014 in einem Werk von Lafarge in der syrischen Stadt Jalabiyeh im Nordosten des Landes geschah. Eine Geschichte, die heute, drei Jahre später, den Konzern seine Spitzenkräfte kostet: CEO Eric Olsen und Bernard Lafont, Co-Präsident des Verwaltungsrates, treten ab. Der eine Mitte des Jahres, der andere auf der Aktionärsversammlung am kommenden Mittwoch.

Was also ist passiert?

Am 22. Juni 2016 berichtete die französische Zeitung Le Monde auf ihrer Titelseite, der Zementproduzent Lafarge habe in Syrien mit dem "Islamischen Staat" zusammengearbeitet. Noch stritten die Beteiligten alles ab. Es sei dem Konzern immer nur um eines gegangen: die Sicherheit seiner Mitarbeiter.

Der Sicherheitschef plaudert von seinen Erlebnissen

Kurz darauf aber veröffentlichte der norwegische Sicherheitschef des Werks seine Kriegsmemoiren. Jacob Waerness beschreibt darin, wie er 2011 von Lafarge angeheuert wurde, im September nach Syrien reiste – und dort seine Arbeit aufnahm. Noch war die Lage in Jalabiyeh relativ ruhig. Die Truppen von Baschar al-Assad kontrollierten das Gebiet. Trotzdem machte sich der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter daran, die Sicherheitsvorkehrungen zu verschärfen, er ließ unbewaffnete Wachen vor dem Werkstor postieren und entwarf eine Plan, um im Notfall die ausländischen Arbeiter evakuieren zu können.

Im September 2011 war Waerness erstmals in Nordsyrien. Ab dem November fand dort eine wöchentliche Krisensitzung statt und die Werksleitung schickte ihre Beschlüsse nach Paris, an den Hauptsitz von Lafarge. Die Depeschen, schreibt Waerness, landeten auch bei Eric Olsen, der damals Personalchef war.

Die Lage in Syrien wird kritisch

Olsen sollte 2012 also auch erfahren haben, dass die Lage um das Werk zunehmend unruhig wurde. Die Assad-Truppen hatten sich nach Damaskus zurückgezogen, kurdische Rebellen übernahmen das Kommando. Das wäre der Zeitpunkt gewesen, da sich Lafarge aus Syrien eigentlich hätte zurückziehen sollen. Wenn sich der Konzern an seine eigenen, vorab definierten roten Linien gehalten hätte. Aber es kam anders. Die Kurden baten die Franzosen, sie sollen bleiben. Sie brauchten deren Zement; und ließen sich, gemäß Financial Times, den Schutz des Werks mit monatlich 100.000 US-Dollar vergüten. Bezahlt habe das Schutzgeld Firas Tlass, der syrische Minderheitsaktionär des Werks. Die Franzosen ihrerseits wollten sich das Geschäft nicht nehmen lassen. "Es gab eine große Nachfrage nach Zement damals", zitiert die FT eine lokale Quelle.

Allein, das Werk in Nordsyrien war eigentlich ein denkbar schlechtes Investment. Es war im Besitz der Unternehmensgruppe von Firas Tlass sowie des ägyptischen Konzerns Orascom Cement, den Lafarge 2007 übernommen hatte. Fast 10 Milliarden US-Dollar kostete der Deal. Aber dann kam die Finanzkrise und kurz darauf der arabische Frühling. Im Nahen Osten und im Mittelmeerraum, also dort, wo Orascom Marktführer war, wurde viel weniger gebaut – und deshalb viel weniger Zement gebraucht.

Erst übernehmen die Kurden, schließlich die Nusra-Front

In Jalabiyeh aber produziert Lafarge weiter. Auch noch im Frühling 2013 als die Nusra-Front die kurdischen Milizen verdrängte und sich der "Islamische Staat" in Nordsyrien festkrallte. Schließlich hatten die Franzosen 680 Millionen US-Dollar in eine neue Produktionsstätte investiert. Die Lafarge-Mitarbeiter mussten nun die Frontlinie überqueren, um zur Arbeit zu kommen, also baute ihnen die Firma Unterkünfte auf dem Werksgelände; die Ausländer waren da schon alle evakuiert worden. Nur Sicherheitschef Waerness wohnte mit den Einheimischen neben den Grindern und Zementöfen, bis er Syrien im Oktober 2013 verließ.

"Nicht akzeptierbare Maßnahmen"

Die Firma Lafarge blieb noch fast ein Jahr länger im Bürgerkriegsland. Erst als der "Islamische Staat" im September 2014 die Fabrik besetzte, gingen die Öfen aus. Durchgehalten hat der französische Konzern, weil er dem IS einen Wegzoll bezahlt und ihm Erdöl abgekauft habe. So schrieb es Le Monde. Damit hätte Lafarge gegen die Sanktionen der Europäischen Union verstoßen, weshalb das französische Wirtschaftsministerium im vergangenen Oktober bei der Staatsanwaltschaft in Paris eine entsprechende Klage hinterlegte, worauf die Ermittler eine Untersuchung einleiteten.

Wissen, was damals in Syrien genau passierte, wollte nun, im Herbst 2016, plötzlich auch Lafarge selber – beziehungsweise die Nachfolgefirma LafargeHolcim. Ein interner Bericht kam zum Schluss: Man habe "nicht akzeptierbare Maßnahmen getroffen", um das Werk in Jalabiyeh am Laufen zu halten. So habe die Firma Vermittler bezahlt, die mit Terrorgruppen verhandelt hätten. CEO Eric Olsen habe zwar nicht gewusst, was in Syrien passiert, er könne dafür also auch nicht verantwortlich gemacht werden. Trotzdem verlässt er nach nur zwei Jahren seinen Chefposten.

Syrien nicht den Zement vorenthalten

Wieso aber dauerte es so lange, bis sich Lafarge aus Syrien zurückzog – also ein Werk aufgab, das damals nur Verlust machte? Warum bleibt ein Großkonzern, der sogar in seinem Hauptquartier von seinen Mitarbeitern eine strenge Sicherheitskultur einfordert, noch zwei Jahre in einem Bürgerkriegsland, obschon neun seiner Mitarbeiter entführt wurden und nur gegen Lösegeld freikamen? So geschehen im syrischen Lafarge-Werk im Jahr 2012.

Sicherheitschef Waerness sagte gegenüber der NZZ, man habe die Zerstörung der Fabrik verhindern wollen und die Situation falsch eingeschätzt. Die Franzosen selber argumentierten lange, sie hätten den Syrern den wichtigen Rohstoff Zement nicht vorenthalten wollen. Mag sein, sicher ist: Ein Rückzug aus Syrien hätte die Verhandlungsposition von Lafarge im Fusionspoker mit Holcim arg geschwächt. 150 Millionen Euro musste Lafarge abschreiben, als sie das Werk 2014 schließlich aufgab. Das war rund ein Drittel des Jahresgewinns – und es war diese Abschreibung, die dazu führte, dass die Fusionsverträge nachträglich angepasst werden mussten. Was als Merger of Equals, als Fusion unter Gleichen geplant war, wurde zu einer Übernahme von Lafarge durch Holcim.

Nächsten Mittwoch findet die Generalversammlung von LafargeHolcim statt. Nicht in Paris, sondern in Zürich. Leiten wird sie kein Franzose, sondern ein Schweizer.