Mit letzter Kraft für Lufthansa – Seite 1

Die Wut der Kunden wächst: "Es wäre eine Überraschung, wenn Air Berlin pünktlich wäre", schreibt einer. "Trauriger Standard inzwischen", ein anderer. "Bei der Hotline geht keiner ran! Service from Hell." Seit Monaten ist das die Tonlage, mit der die Fluggesellschaft Air Berlin in den sozialen Netzwerken konfrontiert wird. Viele Passagiere sprechen aus, was auch die Mitarbeiter längst denken. Ist das "der nächste Schritt zur Pleite?", schreibt einer auf Twitter.

Bei Deutschlands zweitgrößter Fluglinie sind in den vergangenen Monaten so viele Verspätungen, Ausfälle und Serviceprobleme zusammengekommen, dass Air Berlin die Vorgänge kaum noch schönreden kann. Man befinde sich im größten Umbau- und Umstrukturierungsprogramm der Unternehmensgeschichte, teilte eine Sprecherin mit. "Das läuft nicht so reibungslos, wie wir es uns vorgestellt haben."

Dabei hatte der neue Airline-Chef im Frühjahr zu seinem Antritt noch eine andere Losung ausgegeben. Thomas Winkelmann war Ende Februar von der Lufthansa zu Air Berlin gewechselt und schrieb damals in einem Brief an seine Mitarbeiter: "Liebe airberliner, pünktliches Fliegen ist einer der entscheidenden Faktoren für Kundenzufriedenheit." Die Stabilität des gesamten Flugbetriebs gehöre "zu den wichtigsten Zielen" von Air Berlin. Die sogenannte On-time Performance hatte sich unter seinem Vorgänger Stefan Pichler schon 2016 so schlecht entwickelt, dass Winkelmann als Ziel für 2017 benannte, von 76 Prozent Pünktlichkeit im Jahr 2016 wieder auf "mindestens 88 Prozent" Pünktlichkeit zu kommen.

In einem Mitarbeiterschreiben vom Februar mahnte Air-Berlin-Chef Winkelmann zur Pünktlichkeit. © ZEIT ONLINE


Entschädigungszahlungen in Millionenhöhe

An diesem Ziel droht der frühere Lufthansa-Manager zu scheitern. Die Beschwerden, die seit Anfang des Jahres aufgelaufen sind, gehen in die Zehntausende. Das ergibt sich aus Angaben der Fluggastrechteportale Fairplane und Flightright. "Die Zahl der Air-Berlin-Passagiere, die sich an Flightright wenden, hat sich im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt", sagte Flightright-Geschäftsführer Marek Janetzke ZEIT ONLINE. Mehrere Millionen Euro musste Air Berlin in diesem Jahr an Entschädigungen für Kunden zahlen. "Wir gehen davon aus, dass auf Air Berlin insgesamt Entschädigungsforderungen in zweistelliger Millionenhöhe zukommen", sagt Janetzke. Flightright nehme an, dass jedem der geschädigten Kunden mindestens 250 Euro zustünden.

Diese Forderungen richten sich an ein Unternehmen, das in den ersten drei Monaten 2017 mehr als drei Millionen Euro Verlust pro Tag gemacht hat. Das geht aus dem Quartalsbericht vom April hervor. Insgesamt hat Air Berlin Schulden in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro angehäuft. Der aktuelle Börsenwert liegt bei etwas mehr als 100 Millionen Euro. Nur weil die arabische Airline Etihad als Anteilseigner seit Jahren mehrfach dreistellige Millionenbeträge zuschießt, ist Air Berlin noch nicht zahlungsunfähig.

Nur noch Chaos

Auch die Piloten, die Flugbegleiter, das Boden- und Verwaltungspersonal von Air Berlin spüren: Da könnte etwas zu Ende gehen. Ein Copilot, der anonym bleiben möchte, sagte ZEIT ONLINE, in sechs Jahren habe er fünf Wechsel an der Spitze und fünf Strategiewechsel erlebt – und mit jedem Mal sei es schlechter geworden. Was derzeit passiere, sei nur noch Chaos. "Wir haben ein riesiges Personalproblem, auf das wir Piloten schon vor Jahren hingewiesen haben." Zahlreiche Piloten seien beispielsweise freiwillig freigestellt und an die chinesische Tianjin Airlines vermittelt worden. Außerdem sei der sogenannte Crewcontact, der für die tägliche Personalplanung verantwortlich ist, seit dem Umzug von Düsseldorf nach Berlin unterbesetzt. "Wenn sich Piloten oder Flugbegleiter krankmelden oder andere Anliegen haben, sind die Kollegen im Crewcontact mit den wenigen Leuten damit völlig überfordert." Es werde kein Ersatz gefunden, Flüge fielen aus. "In meinem Dienstplan bis Ende Juni sehe ich, dass allein am Standort Düsseldorf bei 40 Flügen noch völlig offen ist, wie beziehungsweise ob sie überhaupt stattfinden können, weil die Crews nicht komplett eingetragen sind", sagt er.

Auf Nachfrage bestätigt Air Berlin die Personalprobleme und antwortet: "Um die gegenwärtig unbefriedigende operative Performance der Air Berlin zu verbessern, stellen wir derzeit neue Mitarbeiter für Cockpit, Kabine und Kundenservice ein."

Vorrang haben Eurowings und Austrian

Ein Grund für die vielen Flugausfälle auf den Air-Berlin-Strecken ist allem Anschein nach aber ausgerechnet eine Kooperation mit der Lufthansa. Das größte deutsche Flugunternehmen mietet seit Anfang 2017 insgesamt 38 Flugzeuge samt Crews an. Air Berlin organisiert die Flüge zwar und verdient daran, aber tatsächlich profitiert die Lufthansa, weil sie mehr Strecken anbieten kann. Die Maschinen wurden umlackiert und fliegen für Tochter-Airlines der Lufthansa entweder in rot-weißem Design als Austrian Airlines oder in Weiß, Türkis und Pink als Billigfluglinie Eurowings. Aufmerksame Fluggäste bemerken nur die noch übrig gebliebenen kleinen Aufkleber auf dem Rumpf: "operated by airberlin". Das Kartellamt hatte den Deal im Januar für zulässig befunden.

"Unsere Dienstpläne sind komplett danach ausgerichtet, dass die Lufthansa-Flüge zuerst bedient werden", sagt der Copilot. Auch ein junger Pilot in Ausbildung bestätigt ZEIT ONLINE dieses Vorgehen von Air Berlin. "Bei den Flügen, die wir für Eurowings und Austrian Airlines durchführen, klappt es mit der Pünktlichkeit erstaunlich gut", sagt er. Hier gebe es so gut wie keine Ausfälle. In einem weiteren Mitarbeiterschreiben vom 10. Februar hatte Air-Berlin-Chef Winkelmann das Abkommen mit der Lufthansa als einen Meilenstein bezeichnet, der "unsere neue Air Berlin entscheidend nach vorne bringt". Doch das eigene Streckennetz und die Kundschaft müssen offenbar zurückstehen – für den neuen Großkunden Lufthansa, der längst Interesse an einer Übernahme von Air Berlin angemeldet hat. Egal ob Piloten, Flugbegleiter oder Gewerkschafter, alle raunen im Hintergrund, der Ex-Lufthansa-Manager Thomas Winkelmann sei bei Air Berlin so etwas wie ein Vorbereiter. Es könne kaum ein Zufall sein, dass der von dort gekommen sei.

Abhängig von anderen Flugunternehmen

Man mag das für Verschwörungstheorien halten. Aber in jedem Fall drängt sich die Frage auf, welche eigene Strategie kann Air Berlin überhaupt noch verfolgen, wenn es vom Geldfluss anderer Unternehmen derart abhängig ist? Für den 14. Juni hat die Airline ihre Aktionäre neben der ordentlichen Hauptversammlung zu einer außerordentlichen Sitzung nach London geladen. Air Berlin muss ihren Aktionären erklären, wie sie damit umzugehen will, dass das Eigenkapital der Gesellschaft weniger als halb so viel beträgt wie das einbezahlte Aktienkapital.

Laut einem Bericht der Finanzagentur Bloomberg soll außerdem der Anteilseigner Ethihad zahlreiche Finanzberater engagiert haben, um auszuloten, wie man sich am besten von der Air-Berlin-Beteiligung lösen könnte. Die 29,2 Prozent, die Etihad an Air Berlin besitzt, sind derzeit um die 30 Millionen Euro wert. Dabei hatte Etihad mehr als eine Milliarde in Air Berlin investiert. Zuletzt hatte Etihad im April ein Darlehen von 350 Millionen Euro zugesagt.

Auf diesen Schulden dürfte Etihad kaum sitzen bleiben wollen. Auch den Zugang zum europäischen Markt und Streckennetz will es nicht verlieren. Eben deswegen hatte sich Etihad ja einst bei Air Berlin, der italienischen Alitalia und auch der Air Serbia eingekauft. Doch die Strategie schlug fehl, wie sich jetzt zeigt, vor allem zum Nachteil von Air Berlin. Aus Unternehmenskreisen heißt es, dass die Golf-Airline zwar auf dem Papier keine strategische Kontrolle ausüben konnte, de facto sei aber klar gewesen, dass die Interessen von Etihad immer stark berücksichtigt werden mussten, wenn weiterhin Geld von dort kommen sollte.

Das könnte auch erklären, weshalb teils lukrative Air-Berlin-Strecken wie die nach Mallorca gestrichen und dafür Langstrecken in die USA aufgebaut wurden.

Würde sich Etihad tatsächlich von Air Berlin trennen, wie das bei der ähnlich defizitären Airline Alitalia bereits geschehen ist, wäre Air Berlin quasi über Nacht zahlungsunfähig. Als Retter stünde dann die Lufthansa gerne bereit. Deren Vorstandschef Carsten Spohr würde nach eigenen Angaben Air Berlin am liebsten übernehmen – ohne die 1,3 Milliarden Euro Schulden, versteht sich. Damit könnte er dann die eigene Eurowings-Flotte ausbauen. Air Berlin hat Anfang 2017 eine zweite Fluggesellschaft, die Air Berlin Aeronautics, gegründet, in der die 38 Flugzeuge unterkommen können, die schon jetzt an die Lufthansa vermietet sind. Im Falle einer Pleite könnten diese Flugzeuge weiter für Lufthansa operieren.

Die Gewerkschaften fürchten Sozialabbau

Die Gerüchte über ein baldiges Ende von Air Berlin beschäftigen längst auch die Gewerkschaften. Ob nun eine Insolvenz, eine Übername durch außerdeutsche Wettbewerber oder durch die Lufthansa. Immer wäre die Hauptangst: Bei einer Pleite oder Übernahme könnten die neuen Besitzer versuchen, die bestehenden Tarifverträge nicht zu übernehmen. Ein Negativ-Szenario bei Lufthansa wären Anstellungsverhältnisse bei der nach Österreich ausgelagerten Eurowings Europe GmbH. Dort gilt der Konzerntarifvertrag nicht. Die Pilotenvergütung gehört zu den schlechtesten in Europa. 

Der Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, Markus Wahl, sagt ZEIT ONLINE: "Die vielen Gerüchte verunsichern extrem." Von den neuesten Entwicklungen erführen die Piloten fast ausschließlich aus der Presse. Das sei keine gute Art der Kommunikation. Die Erfahrung bei derartigen Zusammenschlüssen sei überdies, dass meist keine guten Vertragsbedingungen zustande kämen. "Wir gehen fest davon aus, dass man mit uns sprechen wird, um im Falle einer Übernahme faire Lösungen für die Mitarbeiter zu finden." 

Lieber Eurowings als Easyjet und Ryanair

Mit Streik bei Air Berlin soll derzeit nicht gedroht werden. Klar dürfte aber allen Beteiligten sein, dass es, falls es es vor oder während einer Übernahme zum Streik kommen sollte, auch die Lufthansa mit ihren 38 geleasten Flugzeugen samt Crews empfindlich getroffen werden würde.

Auch die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (UFO) zweifelt, dass Air Berlin in der jetzigen Struktur überleben kann. "Die Sorge ist sehr groß und sehr berechtigt", sagt UFO-Vorstand Nicoley Baublies. Sollte Air Berlin pleitegehen, fordere man statt eines unkontrollierten Übergangs saubere und gute Regeln für die Mitarbeiter, etwa in einem Sozialplan.

Ein Kompromiss zwischen der Lufthansa und den bisherigen Mitarbeitern von Air Berlin wäre durchaus im gegenseitigen Interesse. Denn klappt dieses Szenario nicht, könnte es neben der Lufthansa auch weitere Übernahmekandidaten für die attraktiven Streckenrechte von Air Berlin geben. In Deutschland expandierenden Ryanair aus Irland und Easyjet aus Großbritannien derzeit, auch chinesische Airlines sind im Gespräch. Eine Übernahme durch die Billigflieger ist ein Szenario, das sowohl den Betriebsrat von Air Berlin als auch die Lufthansa alarmiert. Die Mitarbeiter fürchten sich vor Dumpinglöhnen, die Lufthansa bekäme noch mehr Konkurrenz als bereits am Frankfurter Fraport durch Ryanair.

EU könnte gegen Lufthansa-Monopol vorgehen

Sollte die Lufthansa tatsächlich zugreifen wollen, muss das Kartellamt prüfen, und hier gibt es Zweifel an der Zustimmung. Schließlich wäre der Konzern das einzig verbliebene deutsche Flugunternehmen mit großer Macht über das Streckennetz. Doch im Fall einer Pleite von Air Berlin könnte eine sogenannte Sanierungsfusion infrage kommen. Dann wäre ein Nein des Bundeskartellamts durch eine Ministererlaubnis zu umgehen, wie sie einst Sigmar Gabriel im Fall von Kaisers Tengelmann ausgesprochen hatte. Sollte sich herausstellen, dass die Fusion gar nicht vom Bundeskartellamt, sondern von den EU-Kartellbehörden genehmigt werden müsste, wäre die Ministererlaubnis bei einem Nein aber hinfällig.

Würden außerdem andere Wettbewerber wie Ryanair oder Easyjet Interesse an Teilen von Air Berlin und den dazugehörigen Streckenrechten anmelden, gäbe es mehr als nur den Lufthansa-Weg, um Air Berlin zu retten. Vorstellbar wäre  ein Kompromiss, bei dem jede Strecke dahingehend geprüft wird, ob dort ausreichend viele Wettbewerber operieren. Für Ryanair-Chef Michael O'Leary ist die Sache jedenfalls klar. In einem Interview mit Reuters hatte er schon im Januar kritisiert: "Die Lufthansa zerschlägt Air Berlin unter dem Feigenblatt eines Miet-Deals und kauft so ihren einzigen einheimischen Rivalen."

Wie viel Chaos Air Berlin seinen Kunden noch zumuten kann, bekamen Flugbegleiter und Bodenpersonal zuletzt am Himmelfahrtswochenende beispielsweise in München zu spüren. Zahlreiche Flüge waren dort ausgefallen oder um Stunden verspätet: Stuttgart, Düsseldorf, Berlin und Hamburg. Manche Gäste bekamen Auskunft, manche nicht, manche auch gänzlich konträre Antworten. Einige wurden umgebucht, viele nicht. Eine Passagierin bekam zu hören, dass sie nicht umgebucht würde, weil ihr Ticket in der günstigsten Kategorie sei. Verpflegungsvoucher gab es irgendwann, einzig, sie konnten nicht mehr eingelöst werden, weil die Shops im Flughafen bereits zu waren.

Zu Trinken gab es dann an Bord, aber nur gegen Geld. Freundlich, aber hilflos sagten die Flugbegleiter: "Ich darf Ihnen so nichts geben. Bitte beschweren Sie sich im Internet." Von einer bewussten oder fehlenden Strategie dahinter wollte bei Air Berlin niemand etwas wissen. Das Resultat aber könnte für Lufthansa praktisch sein: Nicht wenige Passagiere sagten tatsächlich: "Das war mein letztes Mal mit Air Berlin. Ab sofort fliege ich nur noch Lufthansa." Für das Pfingstwochenende immerhin kündigte ein Air-Berlin-Sprecher nun an: "Wir bereiten uns gründlich vor."