ZEIT ONLINE: Herr Schulte, wie viele deutsche Airlines wird es Ende 2017 noch geben?

Stefan Schulte: Wir gehen davon aus, dass es noch viele sein werden. Wir haben die Lufthansa, Eurowings, Air Berlin, Condor, TUIfly, Germania, Sunexpress und viele weitere. Aber die Marktsituation ist derzeit sehr schwierig.

ZEIT ONLINE: Sie glauben, es wird Air Berlin noch geben?

Schulte: Wir gehen fest davon aus, dass Maschinen von Air Berlin weiterhin gebucht und geflogen werden können. Aber der Markt wird sich im Zuge des immer stärker werdenden internationalen Wettbewerbs konsolidieren. Immer mehr Airlines werden stärker zusammenarbeiten, einige werden übernommen werden, andere gehen in die Insolvenz. Hinzu kommt die zunehmende Digitalisierung.

ZEIT ONLINE: Die Digitalisierung setzt Air Berlin auch unter Druck?

Schulte: Nicht nur Air Berlin, sondern alle Unternehmen. Flugpreise sind über das Internet transparent und damit für die Kunden bestens vergleichbar. Passagiere stellen ihre Flüge zunehmend online selbst zusammen. Sie filtern nach Preis, Umsteigezeiten und vielem mehr. Wettbewerb nimmt zu, die Markentreue nimmt tendenziell leider ab.

Stefan Schulte ist der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL). Außerdem ist er der Vorsitzende des Vorstands der Fraport AG, der Betreibergesellschaft des Flughafens Frankfurt am Main.

ZEIT ONLINE: Kunden buchen das beste Angebot, egal bei welcher Airline. Sich darüber zu beklagen, wird kaum helfen.

Schulte: Nein, wir begrüßen den Wettbewerb. Der ist aus Sicht der Verbraucher ja auch etwas Positives. Die Unternehmen richten sich nach der Nachfrage der Verbraucher. Im Luftverkehr nehmen der Preisdruck und das Low-Cost-Geschäft stetig zu. Um weiter erfolgreich zu sein, müssen sich die etablierten Fluggesellschaften und auch die Flughäfen anpassen und ihre Angebote weiterentwickeln.

ZEIT ONLINE: Noch wächst die Anzahl der Airlines. Nicht nur Ryanair oder Easyjet sind starke Player. Inzwischen bietet die isländische Billig-Airline Wow Transatlantik-Flüge an, Norwegian auch, es gibt die spanische Vueling und viele mehr.

Schulte: Natürlich versuchen alle Anbieter mitzuhalten. Fluggesellschaften aus dem Nahen und Mittleren Osten drängen ebenso auf den Markt wie große Low Cost-Airlines und die Low-Cost-Tochtergesellschaften von den großen bekannten Fluggesellschaften. Vueling gehört zu British Airways und Iberia. Transavia gehört zu KLM. Eurowings zur Lufthansa. Daneben gibt es aber viele kleinere und größere Fluggesellschaften, die nicht alle stark dastehen. Die Anzahl der Airlines wird langfristig schrumpfen.

ZEIT ONLINE: Ist das gut oder schlecht?

Schulte: Insgesamt sind diese Prozesse gesund für die Branche, denn Airlines müssen einen angemessenen Gewinn erzielen, um ihre Investitionskraft zu erhalten. Nur dann haben sie ausreichend Kraft für Zukunftsinvestitionen und können neue Flugzeuge anschaffen, die weniger Kerosin verbrauchen, weniger CO2 emittieren und leiser sind.

ZEIT ONLINE: Das klingt danach, als wünschen Sie sich, dass Air Berlin in einem größeren Unternehmen aufgeht.

Schulte: Nein. Ich wünsche mir, dass Air Berlin die Kurve kriegt. Das Unternehmen arbeitet intensiv an seinem zukunftsfähigen Geschäftsmodell. Es soll kein Antrag auf staatliche Bürgschaften gestellt werden. Dennoch trägt der Staat Verantwortung. Was wir endlich brauchen, sind faire Wettbewerbsbedingungen und keine nationalen Sonderlasten für unsere Branche im Vergleich zu anderen Ländern.

Deutsche Airlines schrumpfen immer weiter

ZEIT ONLINE: Daran, dass die deutschen Fluggesellschaften permanent Marktanteile verlieren, ist unfairer Wettbewerb schuld?

Schulte: Im ersten Quartal 2017 hatten die deutschen Airlines einen Marktanteil der von und nach Deutschland angebotenen Sitze von nur noch 51 Prozent. Vor wenigen Jahren lag der Wert noch bei fast 60 Prozent. Die ausländischen Airlines wachsen hingegen überproportional stark. Sonderlasten wie die Luftverkehrsabgabe und die Art und Weise, wie in Deutschland die Luftsicherheitsaufgaben finanziert werden, sind auch ein Grund dafür.

ZEIT ONLINE: Die Luftverkehrsabgabe zahlen die Passagiere über den Ticketpreis. Jede ausländische Fluggesellschaft, die hier abfliegt, muss sie von ihren Kunden einziehen.

Schulte: Die Abgabe muss von den Unternehmen gezahlt werden. Ob die Unternehmen diese über den Ticketpreis an die Kunden weiter geben können, entscheidet sich am Markt. Vielfach gelingt das nicht, denn ausländische Fluggesellschaften wickeln die Masse ihrer Flüge außerhalb Deutschlands ohne Luftverkehrsabgabe ab, während deutsche Fluggesellschaften die Vielzahl ihrer Flüge ja aus Deutschland heraus mit der Sonderbelastung der Abgabe abwickeln müssen. Für deutsche Airlines ist das also eine richtig große Kostenbelastung, während es bei vielen ausländischen Gesellschaften nur wenige Strecken betrifft und damit de facto nicht ins Gewicht fällt.