Mindestens zwei Monate vor Bekanntwerden des Dieselskandals soll der frühere VW-Chef Martin Winterkorn von den Manipulationen erfahren haben. Ein VW-Abgasspezialist habe ihn und VW-Markenchef Herbert Diess am 27. Juli 2015 ausführlich die Betrugssoftware erklärt, mit der weltweit etwa elf Millionen Fahrzeuge manipuliert wurden, berichtet die Bild am Sonntag.

"Ich hatte nicht das Gefühl, dass Winterkorn zum ersten Mal davon gehört hat", zitiert die Zeitung den Experten und heutigen Kronzeugen. Das Blatt beruft sich auf "Hunderte Zeugenbefragungen, FBI-Berichte, interne E-Mails und geheime Präsentationen". Volkswagen wollte sich vor dem Hintergrund laufender Ermittlungen nicht dazu äußern.

Nach offiziellen Konzernangaben hatte die VW-Führungsspitze nur wenige Tage vor Bekanntwerden des Skandals in den USA detailliert von den Manipulationen erfahren. Gegen Winterkorn, den heutigen VW-Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller, den VW-Aufsichtsratschef und ehemaligen Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch sowie Diess laufen in Deutschland bereits Ermittlungen wegen des Verdachts der Marktmanipulation. Sie sollen den Kapitalmarkt entgegen der Vorschriften nicht rechtzeitig über die Probleme informiert haben. Außerdem ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen fast 40 Beschuldigte wegen Betrugsverdachts, auch gegen Winterkorn.

Winterkorn, Diess und dem damaligen Entwicklungschef Heinz-Jakob Neußer sei in einer Sitzung am 25. August 2015 vorgerechnet worden, dass der Skandal den Autobauer allein in den USA bis zu 18,5 Milliarden Dollar kosten könne. Dennoch habe der damalige VW-Chef niemanden angewiesen, die Existenz der Software preiszugeben. "Und nur Winterkorn konnte diese Entscheidung treffen", zitiert die Zeitung den Kronzeugen. Er habe aber nur genehmigt, das Problem bei Gesprächen mit den US-Behörden "teilweise" offenzulegen.

2015 hatten Behörden in den USA aufgedeckt, dass Volkswagen die Stickoxidwerte von Dieselfahrzeugen manipulierte. Weltweit waren schließlich rund elf Millionen Autos betroffen, darunter knapp 2,4 Millionen in Deutschland. Unmittelbar nach dem Bekanntwerden brach der Börsenkurs der VW-Aktie ein,Winterkorn trat bald danach zurück. 

Mittlerweile hat der Konzern in den USA Vergleiche in Höhe von mehr als 22 Milliarden Euro geschlossen. Ein VW-Manager sitzt in den USA in Haft, ein langjähriger Ingenieur hat sich in einem US-Verfahren schuldig bekannt, fünf weitere Mitarbeiter sind dort angeklagt, darunter Ex-VW-Entwicklungschef Neußer. Erst kürzlich wurde im Zuge der Ermittlungen gegen die VW-Tochter Audi wegen geschönter Dieselabgaswerte erstmals in Deutschland ein Beschuldigter verhaftet. Ihm werde Betrug und unlautere Werbung vorgeworfen. Daneben gibt es in Europa unzählige Klagen von Aktionären und Autobesitzern gegen VW.