Wer nach den Gründen des Niedergangs von Air Berlin fragt, erhält häufig dieselbe Antwort: Es sei das Resultat einer "völlig fehlgeschlagenen Strategie", sagt Gerald Wissel, Gründer der Hamburger Beratungsgesellschaft Airborne Consulting. Ein großer Fehler sei es gewesen, Air Berlin als erfolgreiche Tourismusairline zu einer zweiten Lufthansa umbauen zu wollen. Zudem hätten die immer neuen Strategiewechsel und Allianzen die Komplexität im Unternehmen enorm erhöht – über ein effizientes Maß hinaus. "Ein bisschen Ferienflieger, ein bisschen Businessflotte, ein bisschen Zubringer für Etihad – dieser Plan konnte nicht aufgehen. Aber Etihad als Eigentümer wollte das zu lange nicht wahrhaben", sagt Wissel.

Wissel ist der Ansicht, dass die Insolvenz zu spät kommt. "Zinsen und Tilgung der Schulden haben Air Berlin seit Längerem mehr Geld gekostet, als über das operative Geschäft wieder hereinkam", sagt er. Die Schuldenlast schnürte der Airline die Luft ab. Weil immer häufiger Flüge ausfielen, schrumpften die Einnahmen noch mehr. 

Was passiert nun mit Air Berlin, den Mitarbeitern und der Flotte? Eine komplette Übernahme durch die Lufthansa würde vom Bundeskartellamt wohl eher nicht ohne Weiteres genehmigt, sagt Justus Haucap, Direktor des Düsseldorfer Instituts für Wettbewerbsökonomie. "Ich halte es für wahrscheinlicher, dass die Behörde auf andere Käufer drängen würde oder den Deal nur unter strengen Auflagen erlaubt." Die Beamten könnten den fusionierten Konzern beispielsweise zwingen, Flugstrecken aufzugeben, um seine Marktmacht zu begrenzen. Oder sie könnten ihn dazu verpflichten, Flüge nur innerhalb bestimmter Preiskorridore anzubieten.

Am wahrscheinlichsten ist wohl eine Zerschlagung Air Berlins. Dann würde das Geschäft unter mehreren Konkurrenten aufgeteilt, die auch die Mitarbeiter und Flugzeuge übernehmen könnten. Die Lufthansa gilt als Interessent für einige innerdeutsche Verbindungen. TUIfly könnte mit Air-Berlin-Fliegern seine Position als Touristenairline ausbauen. Aber auch Billiganbieter wie easyJet oder Ryanair würden wohl zugreifen, glaubt Wettbewerbsökonom Haucap. "Das würde ihre Präsenz in Deutschland weiter verstärken."

"Lufthansa hat einen großen Anteil"

Luftfahrtberater Wissel sieht die Rolle der Lufthansa in dem Insolvenzfall äußerst kritisch. "Lufthansa hat einen großen Anteil an der Lage von Air Berlin", sagt er. "Erst hat man den Konkurrenten jahrelang durch niedrige Preise bekämpft, jetzt übernimmt man wohl Flugzeuge, Mitarbeiter und Strecken von ihm und steht auch noch als Retter da." Die Situation sei ideal für die Lufthansa. Sie könnte ihre Marktmacht in Deutschland durch die Insolvenz von Air Berlin weiter ausbauen – zulasten anderer Anbieter.

Schon länger wurde in der Branche geraunt: Der neue Vorstandschef von Air Berlin, Thomas Winkelmann, sei so etwas wie ein Vorbereiter. Schließlich war Winkelmann früher bei der Lufthansa, und das könne ja wohl kaum ein Zufall sein.

Das kann man für eine Verschwörungstheorie halten. Doch Gerald Wissel rechnet nicht damit, dass es großen Widerstand gegen eine mögliche Teilübernahme von Air Berlin durch die Lufthansa gibt. "Es ist Ferienzeit, sechs Wochen vor der Bundestagswahl. Die Regierung will bestimmt nicht, dass Urlauber stranden." Zwar müssten die Streckenrechte von Air Berlin nach der Pleite theoretisch neu vergeben werden, Konkurrenten könnten die Flugberechtigung nicht einfach mitkaufen. "In der Praxis wird es aber wahrscheinlich auf solch ein Weiter-so hinauslaufen."

Ryanair wittert Wettbewerbsverstöße

Entsprechend kritisch blickt die Konkurrenz jetzt auf die Gespräche mit der Lufthansa. Die Billigfluglinie Ryanair teilte nur Stunden nach der offiziellen Pleite mit: Der Insolvenzantrag sei ganz eindeutig mit dem Ziel arrangiert worden, dass die Lufthansa Air Berlin übernehmen könne. Dies werde gegen alle deutschen und EU-Wettbewerbsregeln verstoßen, zumal die deutsche Regierung den Deal mit staatlichen Beihilfen in Höhe von 150 Millionen Euro unterstütze.

Wettbewerbsökonom Haucap sagt: "Es ist natürlich äußerst angenehm für die Lufthansa, dass nun der schärfste Wettbewerber wegfällt." Für Kunden bedeutet die Air-Berlin-Pleite vor allem auf innerdeutschen Strecken, auf denen es kaum Konkurrenz gibt: Sie müssen sich mittelfristig auf steigende Preise einstellen. Darin sind sich die Experten einig. Langfristig komme es dann darauf an, ob wieder Anbieter in den Markt einträten oder bestehende Fluglinien ihr Netz ausbauten.

Für staatliche Unterstützung sehe er bei Air Berlin keine große Notwendigkeit, sagt Ökonom Haucap noch am Telefon. Jetzt müsse er aber auflegen. "Mein Air-Berlin-Flug von Zürich nach Düsseldorf hebt gleich ab", sagt er und macht eine kurze Pause. "Ich hoffe, es war noch genügend Geld für Kerosin da."