Für Gerhard Schröder gibt es an diesem kühlen Herbstmorgen in Sankt Petersburg kein Zurück mehr. Seit Wochen steht der Altkanzler in der Kritik, weil er in den Aufsichtsrat des größten russischen Ölförderers Rosneft rücken wird. An diesem Vormittag nimmt Schröder in der ersten Reihe Platz. Die Erweiterung des Aufsichtsrats von neun auf elf Personen steht bei dieser außerordentlichen Aktionärsversammlung auf der Tagesordnung. Es ist klar, wer gewählt wird. Schröders Aufgabe steht auch fest: Der Altkanzler soll Vorstand Igor Setschin als "unabhängiger Direktor" auf die Finger schauen.  

Setschin wiederum will den von ihm gelenkten Staatskonzern an diesem Vormittag als erfolgreiches und transparentes Unternehmen präsentieren. In Dauerschleife läuft auf den Bildschirmen des Konferenzsaals der Unternehmensfilm. Synergien, höhere Fördermengen, Expansion nach Asien und Europa: Die Liste der Erfolge, auf die Rosneft verweist, ist lang. Doch seinen größten Fang präsentiert Setschin persönlich.    

"Gerhard Schröder ist Moskau gegenüber der loyalste Bundeskanzler der Geschichte", sagt Setschin vor den versammelten Aktionären. Schon bei der Ostseepipeline Nordstream, einem Projekt der Gazprom, habe Schröder gezeigt, dass er ein Anhänger deutsch-russischer Energieprojekte sei. Rosneft wolle an diesen Erfolg anknüpfen, sagt Setschin: "Von seiner Tätigkeit im Aufsichtsrat erhoffen wir uns den Aufbau einer konstruktiven Zusammenarbeit mit unseren westlichen Partnern." Für die internationale Tätigkeit Rosnefts werde Schröders Engagement nur zuträglich sein.  

Es ist ein Lob, das gesessen hat.

Handlanger russischer Interessen

"Was heißt loyal", wird Schröder später von Journalisten gefragt. Der SPD-Politiker wirkt gereizt, als er antwortet. Ein gutes Verhältnis zu Russland sei auch im deutschen Interesse, sagt er. Und weiter: "Es ist die Möglichkeit, einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Beziehungen nach Russland zu leisten." Er werde seine "Erfahrung als Politiker Rosneft zur Verfügung stellen".

Schröders Kritiker halten ihm vor, er mache sich zum Handlanger russischer Interessen, wenn er bei einem Staatskonzern anheuere, den ein Intimus des russischen Präsidenten leitet.

Rosneft ist ein Konzern, der seit der Krim-Krise unter westlichen Sanktionen steht und der mit seiner Expansionspolitik die private Konkurrenz in Russlands Ölbranche vernichtet und russlandfreundliche Regime wie Venezuela unterstützt. Mindestens 20 Milliarden Euro hat Rosneft im vergangenen Jahr in die russische Staatskasse an Steuern überwiesen, hinzukommen noch etliche Milliarden an Ausfuhrzöllen. "Russland zum Wohle", lautet der Firmenslogan. 

Kann das auch gut für Deutschland sein?

Doch kann das, was dem russischen Wohle zuträglich ist, auch gut für Deutschland sein? Für Setschin jedenfalls gilt Deutschland als ein wichtiger strategischer Markt. Das bestätigen auch die Zahlen, zumindest auf den ersten Blick. Die Öllieferungen unter der Rosneft-Marke haben sich seit 2010 von jährlich acht Millionen Tonnen auf 23 Millionen Tonnen verdreifacht. Der Konzern ist Deutschlands größter Öllieferant und deckt fast 30 Prozent der Ölimporte der Bundesrepublik ab. Nach einem Aktientausch mit dem Partner BP kontrolliert Rosneft zudem ein Achtel der deutschen Ölverarbeitungskapazitäten und hält Anteile an drei wichtigen Raffinerien.

Doch ein genauer Blick auf die Zahlen verrät, dass die eigenen Öllieferungen Rosnefts seit 2011 bei etwa 12 bis 13 Millionen Tonnen pro Jahr stagnieren, der Rest wird von Rosnefts Trading-Abteilung in Berlin aus Drittstaaten hinzugekauft. 

Um auf dem deutschen Markt zu wachsen, muss Rosneft investieren. Soll der Anteil eigenen Öls in Deutschland wachsen, müssen bestehende Pipelines ausgebaut werden. Zudem hat Rosneft angekündigt, knapp 600 Millionen Euro in seine Raffinerien in Deutschland zu investieren. 

Schröders Kontakte können interessant sein

Andrej Polischuk, Energieanalyst der Raiffeisenbank in Moskau, sagt: "Schröder ist als ehemaliger Politiker mit seinen Kontakten natürlich interessant für Rosneft, auch wenn sein tatsächlicher Einfluss schwer einzuschätzen ist. Bei der Ostseepipeline hat er sich jedoch als sehr nützlich erwiesen." Wie erfolgreich die internationale Expansionsstrategie für Rosneft aber tatsächlich sein wird, werde man erst in einigen Jahren beurteilen können. "Rosnefts private Konkurrenz konzentriert sich vielmehr auf den russischen Heimatmarkt, weil dort mehr Profite zu holen sind. Die ausländischen Investments von Rosneft sind fast allesamt weitaus weniger profitabel als die Förderung zu Hause", sagt Polischuk.  

Wladimir Milow, einst stellvertretender Energieminister und heute aktiver Unterstützer der Opposition, sagt: "Schröder als Aufsichtsrat müsste bei solchen Unternehmensentscheidungen eigentlich unbequeme Fragen stellen, ob das alles im Sinne der Aktionäre ist." Milow glaubt aber weder daran noch daran, dass Rosnefts Interesse an Schröder nur im Bereich des Geschäftlichen liegt.

Sanktionen gegen Russland belasten Rosneft

Offenbar war Schröders Engagement bei Rosneft bereits im Gespräch, als noch nicht klar war, dass die SPD so eine herbe Niederlage bei der Bundestagswahl einfahren könnte. Milow sagt, von Schröder habe man sich vor allem erhofft, dass er dabei helfen könne, Deutschland zum Verbündeten Russlands im Kampf gegen die Sanktionen zu machen. "Rosneft hat wie kaum ein anderer Konzern unter den Strafmaßnahmen zu leiden, schließlich bekommt der Konzern keine Kredite bei westlichen Banken und musste etliche Projekte auf Eis legen", sagt Milow. 

Gerhard Schröder jedenfalls will sich offenbar noch nicht mit der Unternehmensstrategie seines neuen Arbeitgebers befasst haben. "Rosneft hat als Unternehmen viel erreicht." Nun wolle er sich erst einmal über die bisherige Strategie "umfassend informieren". Eines will Schröder auch in Zukunft auf keinen Fall sein: "Ich werde stets im Sinne des Unternehmens handeln. Ich bin kein Stellvertreter Deutschlands bei Rosneft."